Es gibt einen Film, Unter den Brücken, gedreht 1944 in Berlin, der eine Dreiecksgeschichte, beinahe eine Idylle erzählt, die zu weiten Teilen auf den Kanälen und Flüssen der Hauptstadt spielt. Von den Kriegszerstörungen im Zentrum ist darin nichts zu sehen. Der Film konzentriert sich auf zwei Männer und eine Frau, die versuchen, sich am Rand der großen Weltgeschichte durchzuschlagen, ohne dabei unterzugehen.

Auch im Romandebüt des Schauspielers Burghart Klaußner spielt das Wasser als weltentrückter Flucht- und Sehnsuchtsort eine wichtige Rolle, nur nicht in Gestalt von Spree und Landwehrkanal, sondern in der von Havel und Wannsee. Dort liegt die Traute vor Anker, das Boot des 36-jährigen Fritz, der gemeinsam mit dem sechs Jahre älteren Schulze den Auftrag hat, eine Geldkassette vom Flugplatz Johannisthal im Südosten der Stadt nach Mitte, ins Reichsluftfahrtministerium zu bringen.

Doch an diesem 23. April 1945, an dem der Roman spielt, ist die Stadt schon längst in Auflösung, das Rattern der Stalinorgeln überall zu hören. Und genauso gefährlich wie der Russe ist die Feldpolizei, die Deserteure und Drückeberger jagt. So hat Vor dem Anfang etwas von einem Slalomlauf mit Versteckspielen: Besser, man bleibt ungesehen. Ohnehin zieht es Fritz vor, am Rand der Weltgeschichte entlangzulavieren, dafür schlägt er auch schon mal, um ihm das Rad zu entwenden, einen entflohenen Sträfling nieder.

Entsprechend filmisch ist Vor dem Anfang angelegt, ein Roadmovie en miniature. Dabei verzichtet Klaußner auf alles Reißerische. Mögen andere ihre Helden in den Trümmern der Reichskanzlei Händchen halten lassen, Klaußner erwähnt auf den 174 Seiten seines Romans, der eigentlich eine Novelle ist, weder den Namen Hitler noch irgendeine andere Nazi-Größe. Für ihn steht allein seine Hauptfigur im Vordergrund und mit ihr eine bestimmte Haltung oder besser Nichthaltung. Zwar lag Fritz, heißt es einmal, das Freimaurertum immer schon näher als der Nationalsozialismus, vom Eigensinn zum Widerstand war ihm der Schritt jedoch zu groß. Zudem scheint er schon jenen neuen Anfang zu wittern, von dem der Titel spricht. Im Grunde befindet er sich bereits in der Zeit danach und wartet nur noch darauf, dass sie auch wirklich anbricht. Bis dahin möchte er auf seiner Traute Unterschlupf finden. Dafür muss er allerdings, nachdem er das Ministerium endlich erreicht hat, noch einmal quer durch Berlin.

Gerade weil die an eine wahre Geschichte angelehnte Erzählung scheinbar so einfach ist, hätte gestalterisch viel schiefgehen können. Burghart Klaußner umschifft zum Glück alle Klischee-Klippen. Aufbau und Durchführung sind so schlank wie stringent, ohne dass jemals das Überraschungsmoment auf der Strecke bliebe. Vor allem hat der nicht mehr ganz junge Debütant eine adäquate Sprache gefunden, die einfach ist und doch kunstvoll jene "Wurschtigkeit" andeutet, von der auf der ersten Seite zu lesen ist, einen Umgangston, wie er 1945 womöglich gepflegt wurde. Dieser Sprachduktus erzeugt eine sonderbar schwebende Atmosphäre, in der die Toten von den Bäumen fallen wie die Äpfel des letzten Herbstes, während sich an den Zweigen schon die Knospen eines kommenden Sommers runden.

Burghart Klaußner: Vor dem Anfang
Roman; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018; 176 S., 18,– €, als E-Book 16,99 €