Diese Zeilen gehen raus an Samantha und Steven, an Mandy und Sharonna, an den anderen Marcel aus der Parallelklasse und natürlich: an Kevin. An alle also, die schief angeschaut werden, sobald sie verraten, wie sie heißen. Menschen wie Sie und ich. Es sind Namen wie Krankheiten, heilbar nur vom Namensänderungsamt, das macht dann bis zu 255 Euro. Geboren vor 20, 30 Jahren, wurden sie, als halbe Kinder noch, um die Jahrtausendwende von dem bayerischen Komiker Michael Mittermeier verhöhnt ("Nur Drogenkinder und Ossis heißen Kevin") und in wissenschaftlichen Studien stigmatisiert ("Kinder, die so heißen, sind verhaltensauffällig und leistungsschwach"). Erst kürzlich erlaubte sich der Lebensmitteldiscounter Lidl auf einem Plakat noch mal einen Witz auf ihre Kosten: "Wow, dieses Gemüse riecht nach Eistee." Darunter die Zeile: "Kevin zerschneidet gerade eine Zitrone."

Leute, die ihre Kinder Heinrich und Henriette nennen, fanden das bestimmt lustig. Die Kevins und Chantals eher nicht. Weil sie wissen, was ihre Namen heute im deutschen Bürgertum auslösen, sind viele von ihnen in den Untergrund gegangen. Auf Facebook findet man sie als "Kpunkt Meier" und "Chan Hoffmann". Wer das Glück eines Zweitnamens hat, befördert ihn an die erste Stelle.

Bei einem Blick auf die Vornamencharts der vergangenen Jahre hat man den Eindruck, Eltern hätten inzwischen mitbekommen, was man Kindern mit exotischen Vornamen antut. Nur 25 Mandys wurden 2017 laut der Namensberatungsstelle der Universität Leipzig in Deutschland registriert, Chantal 22-mal. Neugeborene Silvios und Maiks sind genauso rar. Diese Namen sind peinlich geworden, wie das Arschgeweih, eine Sünde der 90er-Jahre.

Nur: Die Träger der Namen, die leben ja noch. Sie sind heute junge Erwachsene, gerade fertig mit dem Studium oder schon mittendrin im ersten Job. Vielleicht werden sie morgen Abteilungsleiterinnen und Vorarbeiter sein, übermorgen Bundeskanzlerinnen und Physiknobelpreisträger. Es ist Zeit, dass sich die Gesellschaft mit ihnen versöhnt. Dass sich Friedrich und Justin und Emma und Mandy umarmen.

Mein Name, Marcel, entspricht auf der Asi-Skala höchstens der Güteklasse "Kevin light". Marcels werden nur milde verunglimpft. Zu verdanken haben wir das wahrscheinlich intellektuellen Namensvettern. Marcel Reich-Ranicki, Marcel Duchamp – sie waren über den Verdacht, lernschwache Drogenkinder zu sein, erhaben. Als Betroffener also, den es nicht voll erwischt hat und der deshalb dem ganz großen Trauma entkam, möchte ich diplomatische Beziehungen zu Emil und Karl-Gustav aufbauen. Ich möchte, dass sie ihre Vorurteile überdenken. Denn ein bisschen Kevin steckt in jedem, aber dazu später.

"Marcel – ein typisch ostdeutscher Name", sagt Gabriele Rodríguez, Linguistin und Deutschlands einzige Wissenschaftlerin, die auf Vornamen spezialisiert ist. Sie sagt das nicht abfällig. Als Leipzigerin, Jahrgang 1961, und Mutter eines Dennis weiß sie, dass es ein Klischee ist, dass vor allem in bildungsfernen Milieus exotisch klingende Namen beliebt waren. Zunächst nämlich war es die Mittelschicht, die ihre Kinder Kevin und Marcel nannte. Menschen, die sich nicht damit zufriedengaben, Russisch zu lernen und Sommer für Sommer an Balaton und Ostsee zu fahren. Sie wollten mehr.

Auch im DDR-Fernsehen liefen Sendungen wie English for You. Die Zuschauer hofften, eines fernen Tages mit echten Muttersprachlern reden zu können. Durch die Sendung führten zwei Moderatoren, ihre Namen: Peggy und Tom. Für viele eine Inspiration, die vielversprechender klang als Olga oder Dimitri, Erich oder Margot. Als meine Eltern meinen französischen Vornamen auswählten, waren sie erwachsen, fertig mit der Ausbildung und bereit für ein Kind – aber noch nie in Frankreich gewesen. Ihren ersten Auslandsurlaub nach dem Mauerfall verbrachten sie, das war klar, in Frankreich.