Jede Revolution braucht Leute, die gar nicht wissen, was sie da tun – und wie weit sie gerade gehen. So kann man sich fragen, ob Christian Hartmann eigentlich ahnte, was er lostrat, als er an den Grundfesten der Merkel-CDU rüttelte. Als er den Eindruck erweckte, seine Partei könnte, wenn es hart auf hart kommt, künftig auch mit der AfD koalieren.

Christian Hartmann, 44, ein ehemaliger Polizist aus Dresden, war bis vorige Woche kaum bekannt. Jetzt ist er Chef der sächsischen CDU-Landtagsfraktion. Er setzte sich – nur wenige Stunden bevor in Berlin in der Bundestagsfraktion das Gleiche geschah – in einer Kampfabstimmung gegen den Wunschkandidaten der Parteiführung durch. Und er stellte sich direkt nach seiner Wahl vor die Presse, um zweierlei zu verkünden. Erstens: "Die AfD ist unser politischer Hauptgegner." Zweitens: Er schließe ein Bündnis mit der AfD nach der Landtagswahl 2019 nicht aus, denn "das gebietet der Respekt vor den Wählern".

Hartmanns Sätze haben die CDU erschüttert, nicht nur in Sachsen. Sitzt die Verunsicherung in der Partei so tief, dass selbst das AfD-Tabu nicht mehr gelten soll? Und wenn nach der Landtagswahl 2019 in Sachsen tatsächlich eine Situation eintritt, in der die CDU geschwächt ist, die AfD gestärkt und eine Koalition ohne AfD kaum möglich – werden dann mäßigende Kräfte wie Ministerpräsident Michael Kretschmer einfach weggefegt? Wird Sachsen dann tatsächlich das erste Bundesland, in dem die AfD mitregiert? Kann Christian Hartmann das wollen?

Hartmann hat ein Feuer entzündet, das schwer unter Kontrolle zu halten ist. Seine Sätze sind eine Kampfansage gegen alle in der Union, die in den vergangenen Monaten eine Koalition mit den Rechtspopulisten kategorisch ausgeschlossen haben. Doch wenn schon ein Landtagsfraktionschef es für karriereförderlich hält, sich in einer zentralen Frage gegen die eigene Parteispitze zu stellen und damit auch gegen die Kanzlerin: Wie ist es um die Macht dieser Kanzlerin dann eigentlich noch bestellt?

So etwas hat es in der langen Amtszeit von Angela Merkel noch nie gegeben. Über die politische Ausrichtung der CDU wurde seit 2005 zwar immer wieder gemurrt, denn Merkels gesamte Kanzlerschaft war von einer einzigen großen Richtungsentscheidung geprägt, die nicht jedem gefiel: der Öffnung und Ausdehnung der CDU nach links. Doch die Debatte darüber verlief in der Partei eher verhalten. Vor allem aber war sie bedeutungslos. Zumindest, solange die CDU mit Merkel noch Wahlen gewann.

Nun aber herrscht in den CDU-Landesverbänden im Osten strategische Ratlosigkeit, mancherorts sogar Panik. Die Idee, man könne die AfD allein mit nüchterner Sachpolitik besiegen, zieht dort nicht mehr. Im Westen Deutschlands halten die Landesverbände zwar weiter zur Bundesspitze, sie lehnen jede Kooperation mit der AfD ab. Doch die Debatte, die Hartmann entfacht hat, erschüttert auch sie, so kurz vor den Wahlen in Bayern und Hessen.

Inzwischen stellen selbst Merkels Freunde in der Parteiführung im vertraulichen Gespräch die Frage, ob Merkel sich überhaupt als Kanzlerin halten könne, wenn sie auf einen sichtbaren Erneuerungsschritt verzichte. Ob es nicht besser für sie sei, jetzt den Übergang an der Spitze selbst einzuleiten. Auf dem Parteitag im Dezember könnte Merkel den CDU-Vorsitz abgeben. Sie täte das nicht, um erklärten Gegnern wie Jens Spahn das Feld zu überlassen, sondern um rechtzeitig enge Vertraute zu installieren: Annegret Kramp-Karrenbauer zum Beispiel oder Armin Laschet.

Keiner aus dem liberalen Flügel der CDU, der für die Nachfolge ins Spiel gebracht wird, drängt auf einen Wechsel an der Parteispitze. Merkels Unterstützern geht es darum, wie die Partei in ihrer bisherigen Aufstellung aus der Krise kommt. "Die Karawane zieht weiter" – damit bügelte Helmut Kohl in der Spätphase seiner Kanzlerschaft die Kritiker seiner Dauerherrschaft ab. So trotzig dürfte Merkel kaum reagieren. Doch im Ergebnis könnte ihre Methode des unaufgeregten "Weiter so" auf dasselbe hinauslaufen: dass sie bleibt, bis es zu spät ist.

Es gibt im Umfeld der Kanzlerin auch Stimmen, die sie darin bestärken, den Parteivorsitz zu behalten. Seit jeher ist Merkels Erfolg vor allem darauf zurückzuführen, dass es ihr gelingt, im entscheidenden Moment Ruhe zu bewahren. Doch mit den Erfahrungswerten aus der Vergangenheit ist es so eine Sache. Irgendwann passen sie einfach nicht mehr. Vor allem, wenn sich die Rahmenbedingungen so radikal verändern.

Nach der SPD erfährt nun die zweite deutsche Volkspartei die Erosion ihrer Anhängerschaft. Der dramatische Niedergang der Sozialdemokraten erscheint nun nicht mehr als Ausnahme, sondern als Präzedenzfall auch für die Union. Die CSU muss sich darauf einstellen, bei der bayerischen Landtagswahl am 14. Oktober weit unter die 40-Prozent-Marke zu fallen. Für die CDU gerät inzwischen sogar die 30-Prozent-Marke außer Reichweite. In Hessen, wo Ende Oktober gewählt wird, rangiert die CDU in den jüngsten Prognosen zehn Prozentpunkte unter dem Ergebnis der vorigen Landtagswahl.