Sollte Hessens CDU-Ministerpräsident Volker Bouffier seine Regierungsmehrheit verlieren, werden die Eruptionswellen auch das Kanzleramt in Berlin erreichen. Man findet in der CDU derzeit keinen Merkel-Befürworter, der eine Prognose wagte, was genau dann passieren würde. Und selbst wenn die Hessen-Wahl für die CDU gut ausgehen sollte, spekulieren Merkel-Freunde, könnte es für die Kanzlerin besser sein, wenn sie den Übergang an der Spitze einleiten würde – als überraschenden Erneuerungsschritt aus freien Stücken. Womöglich ließe sich damit auch ein Signal nach Ostdeutschland senden, wo 2019 drei Landtagswahlen stattfinden.

Treffen mit Christian Hartmann, dem neuen CDU-Fraktionschef in Sachsen. Will er seine Partei wirklich ins Chaos stürzen?

Hartmann sinkt in seinen Sessel. Schweigt eine Sekunde. Dann sprudelt es aus ihm heraus: "Jeder muss sich irgendwann die Frage stellen, ob der Umgang mit der AfD in den letzten Monaten angemessen war", sagt Hartmann. "Dieser Partei wird eine Märtyrerrolle zugebilligt, die Rolle einer Ausgegrenzten, und das ist eher eine Erklärung für ihren Erfolg." Er jedenfalls, Hartmann, wolle den Umgang mit der AfD "versachlichen". Er empfinde die Partei zwar als rechtspopulistisch. "Aber wir müssen eines Tages die Lebenswirklichkeiten zur Kenntnis nehmen." Mit Lebenswirklichkeiten meint Hartmann: die Umfragen. Nach den aktuellen Werten, rechnet er vor, bräuchte es in Sachsen ein Bündnis aus CDU, SPD, Grünen und FDP, um gemeinsam auf 53 Prozent zu kommen. Hartmann zweifelt daran, dass eine solche Vierer-Koalition 2019 wirklich zustande käme.

Nicht nur durch Sachsens CDU, durch alle ostdeutschen Landesverbände verläuft ein Riss – weil kein Verband sich einig ist, wie er mit der AfD umgehen soll. Der Riss trennt das Establishment von der Basis. Dort, in den Ortsgruppen und Stadträten, gibt es längst viele Mitglieder, die fragen: Sind die von der AfD nicht mal unsere eigenen Leute gewesen? Schadet es uns nicht eher, wenn wir uns von denen scharf abgrenzen? Und vertreten die nicht in Wahrheit viele Positionen, die wir als CDU ebenso gern vertreten würden?

Inzwischen gibt es auch in den Landtagsfraktionen immer mehr Leute, die so denken. In Sachsen-Anhalt, wo die CDU vor zweieinhalb Jahren gleich mehrere Direktmandate an die AfD verlor, hat eine kleine Gruppe Unionsabgeordneter schon vor Längerem beschlossen, eigene Bande zur AfD zu knüpfen, man hat schon zusammen abgestimmt. Einige Abgeordnete sind getrieben vom Glauben, dass die AfD deshalb erfolgreich sei, weil sie einerseits rechte Positionen pfundig vertreten könne – und weil ihnen, den CDU-Leuten, das von der eigenen Parteiführung verboten werde. In Sachsen, wo die Angst umgeht, dass im kommenden Jahr noch mehr Mandate und Wahlkreise an die AfD fallen könnten, verbreitet sich dieselbe Stimmung.

Und es gibt Abgeordnete, die vorbereitet sein wollen. Was passiert eigentlich, fragen sich einige, wenn Ministerpräsident Kretschmer die Landtagswahl verliert? Oder wenn er keine Koalition zustande bekommt? Dann will man frei sein, neue Optionen zu prüfen.

Die Abgeordneten, die so denken, finden es empörend, dass ihnen Funktionäre wie Schleswig-Holsteins CDU-Ministerpräsident Daniel Günther vorschlagen, man müsse selbst über eine Zusammenarbeit mit der Linken nachdenken, wenn anders die AfD nicht von der Macht fernzuhalten sei. Sie halten genau das für das Problem der Merkel-Ära: inhaltliche Entkernung, Anbiederung an die Falschen, die Aufgabe rechter Positionen. Die Linke, die PDS, das ist doch der alte Erzfeind!

Und so etabliert sich diese eine Gewissheit: Im Zweifel ist der Ekel vor der Linken größer als der Ekel vor der AfD. "Wer eine Koalition mit den Linken eingeht, zerreißt die sächsische Union", sagt zum Beispiel Matthias Rößler, CDU-Abgeordneter und Landtagspräsident von Sachsen.

Während die Frage, wie mit der AfD umzugehen sei, die Partei noch trennt, herrscht in einer anderen Frage, jedenfalls im Osten, weitgehend Einigkeit: dass Angela Merkel wegmüsse. Von Merkel und ihren Gefolgsleuten will man sich in weiten Teilen der Ost-Union nichts mehr vorschreiben lassen.

CDU-Leute sprechen heute schon vom Grausen, das sie bei dem Gedanken an einen Wahlkampf in Thüringen, Brandenburg und Sachsen 2019 überkommt, in dem Angela Merkel noch Kanzlerin sein könnte. Zwar sei jetzt noch nicht der richtige Zeitpunkt, um das öffentlich zu sagen, erklärt ein sächsischer Bundestagsabgeordneter: "Aber wir werden mit Angela Merkel überhaupt keine Wahl mehr gewinnen." Die Forderung, Merkel möge vor den drei ostdeutschen Landtagswahlen 2019 wenigstens als Parteichefin abtreten, setzt sich in den Ost-Landesverbänden immer mehr durch. "Merkel ist für uns als CDU im Osten das zentrale Problem", sagt ein einflussreicher CDU-Politiker aus Sachsen. Sollte Merkel nach der Hessen-Wahl den Parteivorsitz niederlegen, hofft ein anderer, habe man etwas, was man den Leuten präsentieren könne.