Es gibt Dokumentarfilme, die widmen sich allein der Vergangenheit und handeln doch von der Gegenwart. Waldheims Walzer ist so ein Film. Er zeigt den Fall des österreichischen Juristen Kurt Waldheim, der von 1972 bis 1981 UN-Generalsekretär war und danach Bundespräsident werden wollte. Seiner Wahl stand nichts im Weg, doch dann kam heraus: Der Karrierediplomat mit der strahlend weißen Weste war SA-Mitglied und hatte seinen Lebenslauf geschönt. Der Jüdische Weltkongress mobilisierte die Öffentlichkeit, es gab weltweite Proteste ("Waldheim Nein!"). Unter den Demonstranten war Ruth Beckermann, die sich später als Dokumentarfilmerin einen Namen machen sollte. Die Wienerin filmte die Zusammenstöße, doch die Kassette ging verloren. Vor einiger Zeit tauchte das Material wieder auf, und daraus entstand Waldheims Walzer. Es ist ein Film vom Veitstanz um eine Wahrheit, die keiner wissen durfte.

"Waldheim war kein Nazi", sagt Beckermann dem Falter, und es sei ein Fehler gewesen, dass der Jüdische Weltkongress ihn so genannt habe. Was war er dann? Er war ein Opportunist. Waldheim stammte aus jenem katholischen Milieu, das dafür berüchtigt war, in Gottes Namen einen Pakt mit dem Teufel zu schließen. Beckermann zeigt das Porträt eines 1945 hingerichteten Kriegsverbrechers; das ehrende Andenken hing jahrelang in der Wiener Stiftskirche. Genau das war sie – Waldheims kaltkatholische Welt, die Brutstätte der Heuchler und Herrenreiter. Mit Frömmigkeit im Herzen bekämpft der Katholik den Antichrist, die Roten und die Juden. Dann kam Hitler und bekämpfte die Roten und die Juden. Waldheim war dabei. "Ich habe nur meine Pflicht getan."

Wie geschickt er sich nach dem Kriegsende anpasst, wie er seine Biografie blank poliert, blank wie Reitstiefel – das ist erstaunlich. Der Mann ohne Schatten wird UN-Generalsekretär und hat sofort die Nase im Wind. Wieder kämpft Waldheim gegen das Böse, diesmal gegen die Feinde der Menschheit, gegen die Partisanen der Völkerfamilie. Wie leicht ihm das Wort Moral über die Lippen kommt, wie es perlt und glänzt, und auch das Christliche darf nicht fehlen.

Makellos höflich tritt Waldheim in den UN auf, die im Geist des Nie-wieder gegründet wurden. Der frühere SA-Mann rühmt die Weltwertegemeinschaft, und wenn er redet, breitet er die Hände aus, als wolle er die Menschheit segnen. Einmal spricht er eine Grußbotschaft auf eine goldene Schallplatte; sie wird mit der Voyager ins Universum geschossen, hoch zu den Außerirdischen, die noch nicht wissen, wie verteufelt human es auf der Erde zugeht. Als er sich beim Besuch der Gedenkstätte Jad Vaschem weigert, seinen Kopf mit einer Kippa zu bedecken, kommt es zum Eklat; Waldheim rechtfertigt sich, ein herrischer Trotz schnarrt in seiner Stimme. Scheinbar beiläufig hatte Beckermann zuvor gezeigt, wie Elisabeth Waldheim ein Kamerateam durch die New Yorker Wohnung führt. Alles ist ganz anders und doch wie früher. Auch eine Holzmadonna kommt ins Bild. Die blaue Donau – das ist nun der East River.

Beckermann, die Tochter zweier Holocaust-Überlebender, fällt kein Urteil über Waldheim, sie lässt ihm das Dunkle und Unnahbare. Auch der Zuschauer soll es sich nicht in der Gratismoral der Nachgeborenen gemütlich machen, es gibt Raum für Fragen: Wie hätte man damals selbst gehandelt – abgerichtet in einer erzkatholischen Gesellschaft, womöglich in einer bürgerlichen Kälte, die einen nie mehr verlässt? Waldheims Kinder sagen, er sei ein warmherziger Vater gewesen, tapfer stehen sie ihm zur Seite. Wahr ist, dass Waldheim Pferde über alles liebte, vielleicht waren sie die besseren Menschen, denn sie bringen einander nicht um. "Wir nehmen zur Kenntnis", sagt Kanzler Sinowatz (SPÖ), dass nicht Waldheim bei der SA war, "sondern nur sein Pferd".

Warum machte Waldheim es sich so schwer? Warum erfand er Halbwahrheiten, die kaum anderes waren als grinsende Lügen? Von Massendeportationen und Partisanenerschießungen habe er nichts gehört, er sei auf Heimaturlaub gewesen. Nur eines weiß Waldheim genau: "Auch wir haben gelitten", und Österreich war Hitlers erstes Opfer. Doch warum konnte er über den Krieg nicht sprechen? Was hatte er gesehen? Ein Wort nur – und Waldheims Panzer wäre geplatzt, und damit hätte er allen Verstockten die Zunge gelöst, es wäre Österreichs historische Katharsis gewesen. Gewiss, Waldheim wäre dann nicht Präsident geworden, wohl aber ein bedeutender Mann.

Nein, der "Österreicher, dem die Welt vertraut", konnte nicht die Wahrheit sagen, er schaffte es nicht, und seine Partei wollte es nicht. Nach seiner Wahl setzten ihn die USA auf die Watchlist, kein westlicher Staat lud ihn ein, nur der Vatikan. Gott ist den Sündern gnädig, und der ORF berichtete fünf Stunden live.

Nicht nur Waldheim, auch der besorgte Bürger bleibt in Beckermanns (bei der Berlinale mit dem Dokumentarfilmpreis ausgezeichneten) Werk ein Rätsel. Die Patrioten, die den Demonstranten die Plakate aus der Hand reißen, reden so, als hätten sie nie etwas von Auschwitz gehört, ihnen sind die Juden "zu frech geworden". Heute würden sie vielleicht FPÖ wählen, während ihre deutschen Sinnesverwandten bei Pegida ein schwarz-rot-goldenes Kreuz in den Nachthimmel reckten, alles nette Nachbarn, die samstags artig den Rasen mähen.

Als 1986 die Emotionen hochkochen, fordert der ÖVP-Politiker Alois Mock den Jüdischen Weltkongress auf, die "Kampagne zu stoppen, um nicht Gefühle wachzurufen, die wir alle nicht wollen". Das ist der Schlüsselsatz. Welche Gefühle sind es, "die wir alle nicht wollen"? Es ist der Tiefenhass auf die jüdische Religion, die dem Menschen sagt, er müsse besser sein, als er ist. Die Juden sind schuld, sonst wäre Österreich mit sich im Reinen, in Ewigkeit, amen. Am Schluss sitzt Waldheim im Studio, um seine erste Rede als Bundespräsident zu halten. Eine Putzfrau kommt ins Bild und macht sauber. So sauber wie noch nie.