Wenn man darauf aufmerksam gemacht wird, dass der Politiker Dr. Jörg Haider sich vor zehn Jahren aus dem Verkehr gezogen hat, kommt man um die Erinnerung nicht herum. Nicht an seine Selbstdarstellung, seinen Aktionismus, nicht an die Verführbarkeit der Bewohner vom Hameln (das anders hieß), nicht an die Zähigkeit der eigenen Versuche, ihn zu demontieren.

Er war Oberösterreicher und 28 Jahre alt, als ihn ein Kärntner Fastintellektueller importierte, in der Absicht, das rechte Sumpertum liberal zu lackieren. Der hochbegabte, junge Akademiker begriff ganz rasch, dass auf der liberalen Flanke nichts zu holen war, machte sich zum Liebkind einer Frau Trattnig, einer Urmutter aller Bünde deutscher Mädchen, und erwies den alten Männern, deren Ehre die Treue war und ist, seine Reverenz. Er mutierte zum Kärntner, sprach betont den von ihm nie wirklich glaubhaft beherrschten Dialekt und hinterließ auf einem Tonträger ein von ihm gesungenes Kärntnerlied. Die Art und Weise, wie ihm diese Mimikry gelang, ist Nachweis einer eminenten Begabung – diese Feststellung ist völlig unironisch.

Er war pausenlos unterwegs, grüßte jeden, erkundigte sich nach den Sorgen der Menschen, duzte, wo es nur ging, und verteilte die Wohlfahrtshunderter eigenhändig. Er war keineswegs nur der Liebling der unteren Schichten. Ich entsinne mich eines Abendessens, zu dem meine Frau und ich zwei gleichermaßen intelligente, musische Ehepaare eingeladen hatten. Und als in vorgerückter Trinkerlockerheit der eine Freund und ich die Wähler Haiders zu schmähen begannen, erstarb die Gesprächsbeteiligung des zweiten Paares auf die peinlichste Weise. Er hatte den Einbruch in alle Gesellschaftsschichten geschafft. Natürlich nicht in die der deklarierten Antirechten, zu denen die Kärntner Sozialdemokraten damals nicht verlässlich zu zählen waren. Es wurde gegen den "Neonazi" Haider polemisiert. Das war zu ungenau, zu kurz gedacht, zu plump.

Haider entstammte einem nationalsozialistischen Elternhaus. Er hatte die Gene, die pädagogische Stanze. Aber es darf angenommen werden, dass er – unbewusst oder nicht – darunter auch litt. Denn seine Weltanschauung bestand vor allem aus der Sehnsucht, geliebt zu werden. Ich behauptete, er würde für die Zusicherung, der verehrte Anführer zu sein, auch das Kommunistische Manifest unterschreiben. Das hat natürlich keiner geglaubt.

Als man in Deutschland immer wieder auf das "braune" Kärnten und den "Nazi" Haider angeredet wurde, habe ich widersprochen, vom "anderen Kärnten" erzählt (dem, das jetzt das Sagen hat) und habe den Leuten meine Definition erklärt: "Marktlückennazi". Damit wollte ich klarmachen, dass er nur eine Chance erkannt hatte. Und – so war die Folgerung – er könne gar kein Nazi sein, denn um Nazi zu sein, braucht man eine, wie immer beurteilte, Gesinnung, und wenn einer zu Gesinnung nicht fähig ist, dann dieser Haider – das hatte ihn auch der Frau Trattnig entfremdet. So habe ich ihn auf der Bühne, im Fernsehen und im Buchtext einen "Politstricher" genannt. Er hat das nie klagen lassen, auch nicht den Marktlückennazi. Seine Anwälte haben ihm wohl abgeraten. Ein einziges Mal, sehr spät, hat er geklagt. Ich hatte in einem Zeitungsinterview gesagt, ich sei nicht der Einzige, der meint, er wäre psychisch schwer gestört. Ein – offensichtlich dämlicher – Anwalt wollte eine Entgegnung in der Zeitung erwirken, also mein Eingeständnis, ich wäre der Einzige. Da mein Anwalt aber ein Bündel von ähnlichen Urteilen vorlegen konnte, verlor Haider in allen Instanzen.

Den persönlichen Verfall hatte er wohl einer ungelösten Problematik zu verdanken. Es war anzunehmen, Haider würde sich nach dem deutschen Außenminister, dem Berliner und dem Hamburger Oberbürgermeister sowie vielen anderen entschließen, sich vom Zwang des Doppellebens zu befreien. Er hatte nicht den Mut dazu, wohl auch aus Angst vor dem Verlust deutschtümelnder Wählerstimmen. Als ich ihm das letzte Mal begegnete, es war beim ersten Länderspiel im eben erbauten Klagenfurter Stadion, trug er einen dunkel glänzenden, strampeltrikotähnlichen Ganzkörperanzug mit einem silbergrauen Pelzkragerl. Er sah aus wie ein von einer perversen Mutter zu einem Kindergeburtstag entsandter Sechsjähriger. Da hat er mir, zum ersten Mal, leidgetan. Richtig leid.

Die Menschen, es sind einige, die immer noch glauben, er wäre ein Opfer des israelischen Geheimdienstes geworden, und die regelmäßig Kerzen anzünden, glauben diese private Pression nicht. Sie glauben auch nicht, dass Haiders Ausruf "Kärnten ist reich!" nicht gestimmt hat, nachdem eine größenwahnsinnige Finanztransaktion das Land an den Rand des Ruins gebracht hatte. Wenn es in diesem, meinem Heimatland, ungeachtet des Aufwärtstrends, noch das eine oder andere Kritikwürdige gibt, sagen sie, gar nicht verschämt: "Unterm Haider hett’s des net gebn."