Anuschka Eberhardt sagt es aus Erfahrung: "Die Fragen und die Lebenswelt der Stadtbevölkerung sind anders als die auf dem Dorf. Man weiß nichts voneinander." Die gelernte Einzelhandelskauffrau lebte in Stuttgart, bevor sie auf die Schwäbische Alb zog. Als die Kinder kamen, hat sie ihre Arbeit im Bioladen aufgegeben und sich um die Familie gekümmert. Ihr Mann ist unter der Woche beruflich unterwegs. Nun sind die Kinder erstmals in diesem Jahr krank geworden, ausgerechnet. Doch Papa hat Hausdienst, und sie ist gekommen – zum ersten Treffen des ZEIT-Wirtschaftsrats in Hamburg am vergangenen Donnerstag. Mit ihrer Feststellung zum Unterschied zwischen Stadt und Land ist sie gleich zum Kern des Projekts vorgestoßen.

2.568 Bewerbungen gab es, nachdem das ZEIT-Wirtschaftsrats einen Rat der Leser angekündigt hatte. Zwölf Frauen und Männer wurden schließlich in den Rat gebeten.

Der Rentner Hans-Jürgen Huth hatte zunächst Bedenken, ob der Rat seine konservativen Ansichten und seine Skepsis gegenüber den Linksliberalen überhaupt wolle. Doch genau das ist die Idee: mit möglichst unterschiedlichen Perspektiven den Wirtschaftsteil der ZEIT zu bereichern. Bei der Vorstellungsrunde im Turmzimmer im Hamburger Helmut-Schmidt-Haus setzt Huth als Erster mit seiner offen erzählten Lebensgeschichte den Ton für alle anderen. Es ist die Geschichte eines Mannes aus armen Verhältnissen, der sein Leben lang lernt. Ein früher Informatiker, der bei der Dresdner Bank arbeitete, bis sie unterging, der bis vor Kurzem noch studierte.

Der junge Venture-Capital-Manager Luis Hanemann ist auch ein Mann des Digitalen, aber mit ganz anderen Erfahrungen. Schon als Schüler programmierte er Websites, kam früh zur Start-up-Beteiligungsgesellschaft Rocket Internet nach Berlin und lernte von ihren Gründern. Heute denkt er viel über die sozialen Folgen seiner Investments nach.

Jedes Mitglied hat seine ganz eigenen Erfahrungen und denkt, typisch ZEIT-Leser, viel darüber nach. Bodo Klimmek zum Beispiel, der eine Autowerkstatt betreibt und doch den Autobauern mit ihrer Diesel-Krise sehr kritisch begegnet. Wiebke Wagner, die psychologische Gutachterin, die gelernt hat, dass Beziehungen auch in die Wirtschaft massiv hineinwirken, und die erzählt, wie Menschen sich etwa durch Trennungen ins "ökonomische Aus" bewegen. Oder die aus Ex-Jugoslawien stammende Alenka Ambroz, die in der Schweiz als Journalistin und Dozentin erfolgreich wurde und heute von ihren Kindern und ihren Studenten lernt, "dass ihre Fragen nicht die unseren sind".

Egal, wer gerade redet: Das Mosaik der Perspektiven wird reicher. Dreieinhalb Stunden dauert das Treffen. Man müsse sich bald wieder sehen, sagen die Räte. Aber erst mal stellen wir sie in dieser Ausgabe der ZEIT vor und sind neugierig auf das, was nun kommt an Ideen, Anregungen, Kritik – und vor allem: neuen Erfahrungen.

Im ZEIT-Wirtschaftsteil wird man es sehen können. Wann immer einzelne Mitglieder Einfluss nehmen, sei es, weil sie einen Impuls gaben oder Redakteure sie fragten, wird das Logo des Rates darauf aufmerksam machen. Dazu kommen Zitate, kurze Interviews, Protokolle und andere Formen, in denen die Ratsmitglieder eine Rolle spielen.

Wie das unseren Journalismus verändert? Keine Ahnung. Es ist ein Experiment, und wir machen uns auf allerhand gefasst.