Gerade hat der Priester Sascha Ellinghaus auf dem Münchner Oktoberfest im Marstall-Festzelt den traditionellen Eröffnungsgottesdienst der Wiesn-Wirte und Schausteller zelebriert. Mit Orgelklang, Blasmusik und Bayernhymne – "Gott mit dir, du Land der Bayern!" Dass der Herrgott auch dieses Jahr wieder seine segnende Hand über das Volksfest hält, ist auch sein Werk. An die tausend Gottesdienstbesucher im Zelt sind an den Biertischen versammelt, auf dem Podest, auf dem ein paar Stunden später an dem Wiesn-Donnerstag die Stimmungskapelle Münchner Zwietracht die Leute auf die Bänke treibt, erklingen Kirchenlieder in Andacht an verstorbene Mitglieder des fahrenden Gewerbes.

Der 46-Jährige leitet seit fünf Jahren die bundesweite katholische Seelsorge für Schausteller, Zirkusleute und Markthändler. Sein Bewegungsprofil hat sich dem fahrenden Gewerbe angepasst. Zu Pfarrbesuchen nimmt er die Bahn oder das Flugzeug, meist aber fährt er mit seinem Kleinbus 60.000 Kilometer jährlich von Flensburg bis Garmisch, von Dresden bis Aachen. Altartisch, Schmuckdecken, Leuchter, Messgewänder, Weihwasser, Kelch, Hostien, Schalen, Kollektenkörbe und die Taufkerze führt er mit, kompakt verstaut. Ein Knochenjob fürs Seelenheil, mit Übernachtungen in tristen Vertreterabsteigen. Seine Altarräume sind Bierzeltpodien, Zirkusmanegen oder die Böden überdachter Autoscooter. Der Strom für die Keyboard-Orgel und die Lautsprecher kommt vom Karussell. Gelegentlich zelebrieren Ministranten als Ortskräfte mit.

38 Schaustellerfamilien und etwa 5000 Zirkusleute betreut er, er beerdigt ihre Toten, traut, tauft und firmt. "Die Kirche kann mit territorialen Pfarreien keine Menschen erreichen, die auf der Reise sind", sagt er am Telefon im Auto auf dem Weg zum Cannstatter Wasen. "An Sonn- und Feiertagen sind Kirchgänge nicht drin, also müssen alle Feiern dienstags oder mittwochs stattfinden zwischen den Festen." Das ist auch die Zeit, in der Ellinghaus seine Schäfchen besucht. Im Zirkusgewerbe, in dem es nur zwei Vorstellungen am Tag gibt, ist dafür mehr Zeit. Die Saison beginnt an Ostern und endet mit den Weihnachtsmärkten. Da aber die Mitarbeiter von Freizeitparks ebenfalls in seinen Seelsorgebereich fallen und auch in den Zirkus-Winterquartieren geistliche Hilfe vonnöten ist, gibt es keine Auszeit.

Wie aber geht Kommunionunterricht bei einer nicht ortsgebundenen Klientel? "Viele der Zirkus- und Schaustellerkinder wohnen im Internat oder bei den Großeltern, die nicht mehr reisen. Fahrende Kinder werden von örtlichen Pfarreimitgliedern unterrichtet, es gibt Unterlagen, mit denen die Eltern ihre Kinder anleiten können."

"Die Menschen haben eine traditionelle Ader", sagt ihr Seelsorger: "Dort wo Risiko und Unterhaltung so nahe beieinanderliegen, wird Gott besonders oft angerufen."

Haben Sie von einer ungewöhnlichen Idee in Ihrer Gemeinde gehört? Bitte schreiben Sie an redaktion@christundwelt.de.