Ilse Sixt wohnt in Oberpframmern, 2000 Einwohner, Gemeinde Ebersberg, 30 Kilometer südlich von München; wenn sie Besuch bekommt, dann von einem Fuchs, der sich an den Waldrand gewagt hat, oder einem Nachbarn, der einen Eimer Kirschen vorbeibringt. Umso irritierter ist ihr Sohn, als am 29. Februar 2012 ein südländisch aussehender Mann im schwarzen Mantel vor der Tür steht.

"Wohnt hier Frau Ilse Sixt?", fragt er auf Englisch mit italienischem Akzent.

"Ja", sagt Bernhard Sixt, "ich bin ihr Sohn."

"Geben Sie ihr diesen Brief", sagt der Fremde, drückt ihm ein blaues Kuvert in die Hand und fährt davon.

Was war das? Ein Erpresser? Die Mafia? Ein Missverständnis? Bernhard Sixt ist durcheinander, auch besorgt. Seine Mutter schreibt doch ständig diese E-Mails und Briefe. War sie diesmal zu weit gegangen? Hatte sie jemanden verärgert? Als seine Mutter das Kuvert öffnet, Absender Castel Gandolfo, kommt ein zusammengefaltetes Blatt Papier zum Vorschein, verschlossen mit einem roten Wachssiegel. Ilse Sixt bricht es auf und liest:

Liebe Ilse,

dein Bemühen um die Priester ist mir schon oft zu Ohren gekommen, als Mensch und Landsmann kann ich dir nicht offiziell danken. Bewahre meine Worte in deinem Herzen und verbrenne den Brief. Ich verlass mich auf dich,

Benedikt

Ilse Sixt sitzt auf ihrer hölzernen Eckbank, als sie diese Geschichte sechs Jahre später, im Sommer des Jahres 2018, erzählt. An der Wand gegenüber hängen ein hölzernes Kreuz und Bierkrüge aus Zinn, daneben eine Pinnwand mit Fotos von den Enkeln und Urenkeln. Sie trägt eine hochgeschlossene Bluse, drüber ein Strickjäckchen mit goldenen Knöpfen. Auf dem Tisch stehen eine Flasche Wasser und zwei Gläser; sie ist vorbereitet, wenn schon mal jemand von der Zeitung vorbeischaut, auch ehrfürchtig und ein bisschen geheimnistuerisch; auf der anderen Seite, jetzt, wo er nicht mehr Papst sei, könne sie es ja herzeigen, huscht in die Küche, kommt lächelnd zurück, in der Hand ein Tütchen, aus dem sie das blutrote Siegel fingert. Den Brief hat sie kopiert und verbrannt, aber das Siegel hat sie mit Tesafilm geklebt und wie eine Reliquie aufbewahrt: "Servus servorum Dei" steht darauf, Knecht der Knechte Gottes, so darf sich nur das Oberhaupt der katholischen Kirche nennen. "Danach", sagt sie, "hatte ich noch mehr Eifer." Aber kann das wirklich sein? Ein Brief von Papst Benedikt XVI.? Ein Dankeschön, das die tausend Kilometer von Castel Gandolfo über die Gipfel der Alpen bis nach Oberpframmern zurückgelegt hat?

Auf Karteikarten notiert sie E-Mail-Adressen – mittlerweile sind es 3.000. © Erol Gurian für Christ&Welt

Seit 50 Jahren kämpft Ilse Sixt von der oberbayerischen Provinz aus gegen den Zölibat und überhaupt alles, was ihr an der katholischen Kirche nicht passt, weil sie es als "unmenschlich" und "unbarmherzig" empfindet, als elitär, verlogen und manipulativ. Täglich vier Stunden sitzt sie am Rechner, schreibt an Redaktionen, Pfarreien, Priesterseminare, Bischöfe, Kardinäle, beschwert sich, fordert, kritisiert, schlägt vor und schaut, wenn ihr der nächste Satz partout nicht einfallen mag, hinaus auf ihren Apfelbaum, der vor dem Fenster im Garten steht. "Heiland", sagt sie dann, "wenn du mich schon ständig diese Briefe schreiben lässt, dann sag mir jetzt bitte auch, wie es weitergeht." Nach zwei, drei Sekunden wisse sie den ersten Satz, darauf könne sie sich verlassen. Auf Karteikarten hat sie 3000 E-Mail-Adressen notiert, auf ihrer Webseite (www.ilsesixt.de) ihre Leserbriefe der letzten Jahre archiviert, einmal die Woche überprüft sie die Zugriffszahlen. "Hat mir meine Enkelin beigebracht", sagt sie. Ihr Rekord liegt bei 10.000 Hits in einem Monat. Erst neulich hat sie einen Brief per Mail an 43 Bischofskonferenzen weltweit geschickt. Ob ihn jemand liest, weiß sie nicht, aber wenn sie nicht schreibt, liest ihn garantiert keiner. So denkt Ilse Sixt.

Es gibt viele, die in Ilse Sixt eine narzisstische Rebellin sehen, eine störrische alte Frau, die sich in ein Thema verrannt hat, eher nervig als hilfreich, eher notorisch als raffiniert, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wer die ganze herausfinden möchte, muss dieser 82-jährigen Frau ein paar Stunden zuhören und einen Blick in die Gebets- und Geschichtenbüchlein werfen, die sie schreibt, verkauft und verschenkt. "Für die Druckkosten", sagt sie, "hätte ich vor zwanzig Jahren einen Bauplatz in Oberpframmern gekriegt", aber egal, sie bereue nichts, es sei alles doppelt und dreifach zu ihr zurückgekommen und überhaupt: Wer brauche schon einen Bauplatz, wenn man schon ein Haus samt Garten habe?

Ihr Mann habe als Steinmetz gut verdient und sie immer unterstützt. Kein böses Wort. Keine Anspielung. Nie habe er die Augen verdreht oder einen Witz auf ihre Kosten gemacht: "Der hat bis heute noch keinen Kontoauszug verlangt." In Geldangelegenheiten, und eigentlich auch in allen anderen, habe er ihr immer vertraut. Inzwischen hat sie 18 Bücher publiziert, manche in einer Auflage von mehreren Tausend: "Geschichten, die keiner erfinden kann", "Geschichten, die Mut machen", "Geschichten zum Weitersagen".