Das Inferno hinter der Wohnungstür

Der erste Eindruck von Oguz Coban hält lange vor. Das ist sein Blick. So unverwandt sehen Menschen einen selten an. Auch wenn es sehr freundliche Augen mit vielen Lachfältchen sind: Es ist schwer, ihnen länger standzuhalten.

Es ist ein warmer Tag Anfang September. Die Pfandjäger vor dem Biosupermarkt tragen kurze Hosen. Auf alten Bierdosen glitzert goldene Sonne. Und vor dem Altonaer Gesundheitsamt steigen Männer in dunklen Jacken in einen Van. Eigentlich haben sie andere Namen. Aber hier werden sie Oguz Coban und Ulf Rafael heißen, denn nach dem, was ihnen passiert ist, soll ihre Identität nicht mehr öffentlich werden.

"Runterkommen ist nicht so einfach bei dem, was wir hier machen."
Ulf Rafael*

Coban sitzt vorn, neben dem Fahrer. Rafael rutscht auf der mittleren Rückbank ganz weit ins Eck. Auch er ist einer, den man sich merkt: leuchtend weiße Bürstenfrisur, fester Händedruck. Seine Arme breitet er zu beiden Seiten aus, über Lehne und Fensterbank. Eine Marotte? "Nein", sagt er, "das mache ich extra. Wirkt entspannter auf unsere Gäste. Körpersprache ist ansteckend." Und natürlich könnte er so auch blitzschnell zugreifen, wenn jemandem wieder einfallen sollte, dass er eigentlich gar nicht mitfahren wollte.

Rafael erzählt, dass er früher als Gärtner für die Stadt gearbeitet hat. Jetzt ist er 58, kurz vor der Rente, und schon seit 30 Jahren beim Zuführdienst. Die Harke nimmt er nur noch abends in die Hand, im eigenen Garten, zum Runterkommen. Vorn hört Coban zu und nickt. "Runterkommen ist nicht so einfach bei dem, was wir hier machen."

Insgesamt sind es im Gesundheitsamt Altona 14 Mitarbeiter, die sich in ganz Hamburg um diejenigen kümmern, die eine psychische Erkrankung aus der Welt geworfen hat. Immer häufiger wird nach ihnen verlangt. 2017 holten sie 4.368 Menschen von Polizeiwachen, Hausdächern oder aus ihren Wohnungen und brachten sie in die Psychiatrie. Zwölf Einsätze pro Tag waren das im Durchschnitt. In diesem Jahr sind es schon 13. Wenn das so weitergeht, werden die Zuführer Ende Dezember bei der Zwangseinweisung von 4.600 Menschen mitgeholfen haben.

Patienten in den Psychiatrien müssen immer früher zurück nach Hause

Sie handeln auf Zuruf. Entweder bekommen sie den Auftrag von einem Psychiater, der zu einem gefährlich oder gefährdet wirkenden Menschen gerufen worden ist, oder von einem Gericht. Menschen, denen attestiert wird, sich nicht um sich selbst kümmern zu können, wird vom Gericht ein Betreuer zur Seite gestellt. Er kommt regelmäßig zu Besuch. Wenn er feststellt, dass sich der Zustand seines Schützlings bedrohlich verschlechtert hat, der aber eine Therapie ablehnt, kann er bei Gericht einen "Unterbringungsbeschluss" beantragen.

An diesem Tag steht für Oguz Coban und Ulf Rafael ein Termin in Steilshoop an. Weil er seine Medikamente nicht mehr nimmt, soll ein Mann nach Ochsenzoll gebracht werden, in die Psychiatrie. "Wieder einer in der Drehtür", sagt Coban. "Warum bringen wir die Leute hin, wenn sie dort nicht bleiben dürfen?" Die Kassen werden immer penibler, Patienten in den Psychiatrien müssen immer früher zurück nach Hause. Aber wer zu früh gehen muss, ist noch zu labil, um sich gut um sich selbst zu kümmern, und wird oft sehr bald wieder zurückgebracht.

Der Van biegt in eine ruhige Straße. An einer Zufahrt steht ein Mann mit Aktentasche und winkt. Der Betreuer. Als das Auto vor dem Haus parkt, entfacht die Sonne ein Feuerwerk in den grünen Bierflaschenscherben, die überall auf dem betongrauen Platz herumliegen.

Rafael und Coban gehen den Fall noch mal durch. In der Zentrale hatten sie schon die Akten studiert, jetzt reden sie mit dem Mann, der den Patienten persönlich kennt. In der Wohnung lägen Tabletten herum, berichtet der Betreuer. Der Bewohner, Herr Schmidt, lässt sie regnen wie Konfetti. Ihre ordnende Wirkung im Kopf seines Schützlings ist verschwunden. Dafür sind in seinen Gedanken die Agenten mit den giftigen Strahlen wieder da. "Er weiß, dass Sie kommen", sagt der Betreuer. "Müssen wir aufpassen?" – "Er war noch nie aggressiv."

Der 56-jährige Mann ist seit Tagen nicht mehr aus der Wohnung gekommen. Die Fenster sind verbarrikadiert, er hat wahrscheinlich schon eine Weile nichts mehr gegessen. "Wir legen solche Termine gern auf den späten Vormittag, dann sind die Nachbarn unterwegs", sagt Rafael. "Unsere Patienten haben es ohnehin nicht leicht. Da wollen wir wenigstens den Tratsch vermeiden."

"Blaulicht macht die Situation schlimmer"

Es ist elf Uhr, als die drei Männer im Treppenhaus nach oben gehen. Rafael bringt sich mit Coban vor der Tür in Stellung. Coban ist ein kräftiger Mann mit breiten Schultern. Er stellt sich dorthin, wo die Tür gleich aufgehen könnte. Der schlaksige Rafael steht direkt daneben, so füllen sie gemeinsam den Rahmen. Einen anderen Ausgang gibt es nicht aus diesem Wohnkasten, das haben sie überprüft. Rafael sieht sich um und sagt leise, dass alle anderen Abstand halten sollen. "Zum nächsten Treppenabsatz. Wir wissen nicht, was uns erwartet."

"Ich überlege mir immer zuerst beim Reingehen, wo ich Schutz finden könnte."
Ulf Rafael*

Es ist eine Weile her, da betrat Ulf Rafael eine Wohnung, und ein Mann stand ihm gegenüber, in der Hand ein gezücktes Küchenmesser. "Zum Glück war dort ein Stuhl als Deckung. So konnte ich mit ihm reden. Er war einfach nur verängstigt und hat mir das Messer schließlich gegeben. Aber seitdem überlege ich mir immer zuerst beim Reingehen, wo ich Schutz finden könnte."

Die meisten der Menschen, die aufgrund eines Gerichtsbeschlusses abgeholt werden, leiden an einer Wahnerkrankung wie Schizophrenie. Ausgelöst wird sie unter anderem durch den Botenstoff Dopamin. Zu viel davon wirkt aufputschend bis zur Raserei. Wer in so einem Zustand steckt, versteht die Welt nicht mehr. "Die einzelnen Worte helfen da nicht viel", sagt Rafael. "Gesten schon." Der richtige Tonfall, ruhiges Auftreten. "Das kann eine schwierige Situation sofort entschärfen. Blaulicht macht sie fast immer schlimmer."

In dem kleinen Flur ist es dunkel. Coban horcht kurz an der Tür. Dann nickt er Rafael zu. Der klingelt.

Das Geräusch hallt lange nach. Es tut sich nichts.

Leises Rascheln hinter der Wohungstür

"Herr Schmidt, hier ist das Gesundheitsamt", sagt Rafael mit gedämpfter Stimme in die Tür. "Bitte machen Sie auf, wir möchten mit Ihnen reden." Nichts. "Herr Schmidt?" Herr Schmidt reagiert nicht, warum sollte er auch, schon seit Wochen versteckt er sich in seiner eigenen Welt. Wenn sich geheime Mächte gegen einen verschwören, hilft nur eins: so tun, als ob es einen nicht gibt. Coban lächelt kurz und zeigt mit dem Finger auf eine Stelle der Tür, dahinter hört er es leise rascheln.

Mit einem Mal verändert Rafael den Tonfall. Er ist nicht mehr der nette Mann, der das Gespräch sucht, er ist der Mann mit dem Unterbringungsbeschluss. "Wenn Sie die Tür nicht öffnen, mache ich sie auf. Wir haben einen Schlüssel", sagt er scharf. Dann hebt er die Faust. Die Schläge hallen von den engen Wänden im Hausflur wider, hart und unnachgiebig. Aber es rührt sich nichts.

Die nächste Stufe: Jetzt soll wirklich aufgeschlossen werden. Rafael dreht den Schlüssel im Schloss, Coban drückt die Klinke, die Tür öffnet sich nicht. Herr Schmidt meint es ernst mit dem Widerstand. Coban hämmert, Rafael bellt. "Öffnen Sie! Sofort!!!" Herr Schmidt denkt gar nicht daran. "Haut ab", keift er von innen zurück, "ihr kriegt mich nicht!"

Es wird noch eine halbe Stunde lang dauern, bis sich die beiden entschließen, die Feuerwehr und die Polizei zu holen. Die Feuerwehr als mechanische, die Polizei als mentale Türöffnerin. "Es kann sein, dass der Mann einfach nicht weiß, ob wir die sind, die wir behaupten zu sein", flüstert Coban. "Das Durcheinander im Kopf. Manchmal helfen Uniformen, eine Tür aufzubekommen, manchmal geht sie dann erst recht zu."

Die Tür aufbohren zu lassen, das wollen beide auf jeden Fall vermeiden. Ihre Dienste sind kostenlos. Aber wenn etwas an der Wohnung kaputtgeht, muss es bezahlt werden. Die meisten Patienten haben aber kaum etwas, sie leben von der Stütze.

"Ich will in seinen Kopf kommen, ihn irritieren."
Oguz Coban*

Coban sichert jetzt mit dem Fahrer den Flur. Rafael wartet unten mit dem Betreuer auf die Verstärkung. Er bespricht mit ihm, was danach an der Tür zu tun ist. "Kaufen Sie doch ein Schloss im Baumarkt, das ist viel billiger", sagt er. "Bestimmt können Sie das auch selbst einbauen, oder?" Rafael hat eine Art, bei der man schwer Nein sagen kann. Der Betreuer nickt.

Bis die Unterstützung kommt, macht Oguz Coban Musik. Mal spielt er auf der Tür mit den Fingern Klavier, mal scharrt er wie ein kleines Tier. "Ich will in seinen Kopf kommen, ihn irritieren", sagt er. "Vielleicht macht er auf, weil er das nicht aushalten kann."

"Psychosen machen die Menschen von innen kaputt"

Wenn jemand Stimmen hört – und es spricht viel dafür, dass das im Kopf des Mannes hinter der Tür der Fall ist –, will er sie genau verstehen. Zusätzliche Geräusche sind eine Qual, denn das Flüstern der Stimmen ist unwiderstehlich. Es beruhigt. Es lobt. Es weiß, was zu tun ist, falls Leute in schwarzen Jacken klingeln.

Seit 30 Jahre kümmert sich Coban um "geplagte Seelen"

Coban hat keine Chance, nichts funktioniert, er muss warten und kommt ins Reden. 50 Jahre sei er alt, 30 davon habe er sich um "geplagte Seelen" gekümmert. Beim Zuführdienst ist er seit zwölf Jahren, vorher war er viele Jahre als Pfleger in der Psychiatrie. Unter anderem in Ochsenzoll.

Da gab es diesen traurigen Jungen, keine 20 Jahre alt. Als der wieder zu lächeln begann, kam er von der geschlossenen auf die offene Station. "Da hat er sich im Heizungskeller erhängt", sagt Coban. "Er hatte seine ganze Kraft zusammengenommen, um den Ärzten, um uns allen vorzuspielen, dass es ihm besser geht." Es war Coban, der den Toten herunternahm, der ihn auf eine Trage legte. Der ihn im Krankenwagen in die Leichenhalle fuhr. Er heulte, starrte durch die Autoscheibe in die Nacht, in dem Moment wurde ihm klar: Jemand muss das aufhalten. "Manche haben diese Dunkelheit, die sie tief in sich drin verstecken. Psychosen machen die Menschen von innen kaputt. So schnell. Da muss man aufpassen."

Ulf Rafael kommt mit einem Tross die Treppe hoch. Coban wird wieder an der Tür gebraucht. "Herr Schmidt", sagt er, "die Polizei ist jetzt hier. Machen Sie einfach auf. Wir wollen Ihnen doch helfen."

Nun drängen sich acht Leute in den kleinen Flur. Rafael hat zwei Feuerwehrleute, zwei Polizisten und sogar noch den Fahrer mitgebracht. Für alle Fälle. Wenn es einer so ernst meint wie Herr Schmidt mit dem Verschanzen, könnte er noch mehr planen.

"Mit Psychiatriepatienten kennt sich keiner so gut aus in dieser Stadt wie diese Männer. Die können das am besten."
Polizistin

Alle gehen jetzt extrem vorsichtig vor. Die Hierarchie dabei ist klar: Was als Nächstes gemacht wird, bestimmen die beiden Zuführer. "Wer soll hier sonst die Lage einschätzen?", sagt eine Polizistin. "Mit Psychiatriepatienten kennt sich keiner so gut aus in dieser Stadt wie diese Männer. Die können das am besten."

Es ist ein Geduldsspiel. Es reicht nicht, das Schloss aufzubohren. Für den Riegel ist ein Stemmeisen nötig. Mit einem Knall fliegt die Wohnungstür auf. Herr Schmidt ist da schon im nächsten Zimmer verschwunden. Wieder kommt der Bohrer zum Einsatz. Herr Schmidt, ein irrlichternder Schatten hinter vergilbtem Glas, hält die Türklinke fest. Auf dem Spiegel daneben klebt ein Post-it. "Ich?" steht darauf in Krakelschrift.

Als die Feuerwehrleute alle Leisten abgeschraubt und die Glasscheibe herausgedrückt haben, springen Coban und Rafael blitzschnell durch den Rahmen in das grünlich abgedunkelte Zimmer. Es geht zu schnell, um zu sehen, was sie genau machen. Plötzlich sind sie drin. Und zwischen ihnen steht mitten im Chaos von Tablettenkonfetti, leeren Bierflaschen und alter Wäsche ein zittriger Greis, die Hände zur Kapitulation erhoben. Die Haare liegen in wilden Wirbeln. Seine Schultern sind tief gebeugt. Er riecht ein wenig. "Ich komm ja mit", sagt er und beginnt sofort eine Konversation mit den Männern. "Ist Merkel noch Bundeskanzlerin? Wirklich? Bei dem Wetter? Was für ein Sommer, waren Sie mal draußen? Kann ich meine Jacke mitnehmen?"

Herr Schmidt trippelt brav mit

"Das ist doch nicht meine Jacke, das ist mein Mantel!", sagt Schmidt, da lächelt Rafael zum ersten Mal. Er erkundigt sich, wonach genau er schauen soll, und geht suchen. Die Polizisten ziehen ihre Handschuhe aus, die Feuerwehrleute packen das schwere Gerät zusammen. Als die Jacke gefunden ist, nehmen die beiden Männer vom Zuführdienst den alten Mann in ihre Mitte. Erst fasst jeder ein Handgelenk. Aber als Herr Schmidt brav wie ein kleines Kind mittrippelt, sehen sich Ulf Rafael und Oguz Coban kurz an. Beide lassen los. Herr Schmidt, der friedliche, darf sich als beinahe freier Mann nach unten bis zum Auto plaudern. "Waren Sie mal in Venetien?" – "Nein. Sie?" – "Ja, als Junge in der Schulzeit. Ist schön da." – "Das glaub ich."

Sobald sie unten sind, lässt Herr Schmidt sich in das schwarze Kunstlederpolster sinken. Ulf Rafael nimmt, bevor er mit ins Auto steigt, die Feuerwehrmänner zur Seite: "Die Leisten macht ihr noch an die Tür, oder? Ist ja für einen guten Zweck. Danke. Ich schulde euch was."

Dämonen, die von Feuer flüstern

30 Minuten später in Ochsenzoll. Ein redseliger Paranoiker ist zusammen mit einer freundlichen Pflegerin in den aquarellbetupften Weiten des Klinikflurs verschwunden. Rafael zündet sich draußen eine Zigarette an. Er hat noch etwas zu sagen, zu der Bedrohung, die hinter Türen lauern könnte. Und zur Polizei, die deswegen in anderen Bundesländern solche Einsätze übernimmt. "Wir können ja nicht durch das Holz gucken, wir wissen nie, was dahinter ist", sagt er. "Trotzdem muss ein Mensch da rein." Er betont das Wort "Mensch" und meint: einer von ihnen, vom Zuführdienst. Einer, der Türen lieber ohne Eile öffnet und der versteht, wie groß der Unterschied zwischen einem Mantel und einer Jacke sein kann. "Wenn wir die Polizei holen, weil wir einen Patienten für gefährlich halten, schicken sie die Hunde vor, das ist eine neue Dienstanweisung. Aber unsere Patienten sind keine Schwerverbrecher, die brav das Messer fallen lassen. Sie sind krank, haben Angst vor der Welt und verstehen kaum, was passiert. Ein knurrender Hund macht es schlimmer. Am Ende stirbt noch jemand. Das riskiere ich lieber nicht." – "Ja", sagt Coban. "Unsere Patienten sind wie kleine Kinder. Sie wissen nicht, was sie tun."

Das Dunkle verschlang ihn

Die Tür, die wenige Tage nach dem Einsatz mit Herrn Schmidt in Harburg auf Ulf Rafael und Oguz Coban wartet, wird erst einmal harmlos wirken. In den Akten, die sie vorher durchgehen, wird zwar auch etwas von Psychose stehen und etwas von Stimmen. Aber nichts lässt erahnen, dass bei Tim B. Dämonen warten, die von Feuer flüstern.

Bestimmt sind die beiden Männer des Zuführdienstes den Fall vor dem Haus noch mal durchgegangen und wollten von dem Betreuer mehr über ihren Patienten wissen. Dann haben sie sich wieder vor der Tür aufgebaut. Haben sich noch einmal angesehen. Und dem Mann drinnen Bescheid gesagt, dass sie jetzt da sind, um ihm zu helfen.

Über das, was danach geschah, sind bisher nur Bruchstücke bekannt. Die Oberstaatsanwältin weiß zumindest, dass die erste Tür noch mit dem Schlüssel aufging, den der Betreuer dabeihatte. Vielleicht konnten die beiden dann den Spiritus riechen. Oder es gab ein anderes Alarmsignal. Jedenfalls trat Coban die nächste Tür ein: die Zimmertür, hinter der sie ihren Patienten hörten.

Coban hatte noch davon erzählt: dass es manchmal so schnell gehen müsse, dass sie keine andere Wahl hätten, als den Fuß mit voller Wucht aufs Türblatt krachen zu lassen.

Nachdem die Tür aufgeflogen war, hatten die Stimmen gewonnen. B. muss schon lange gewartet haben. Das ganze Zimmer war voll mit verdampftem Ethanol, als ein Feuerzeug zündete.

Wollte Coban diesmal das Dunkle aufhalten?

Rafael mit seiner Vorsicht hat wohl die Sekunde vor dem Inferno gereicht, um die Dusche zu bemerken. Die Feuerwehrleute sagen, er überlebte nur, weil er sich selbst löschte. Was war mit Coban? Hat er den anderen Jungen in B.s Augen gesehen? Wollte er diesmal das Dunkle aufhalten?

Es war da, und es hat ihn blitzschnell verschlungen. Coban konnte nur noch nach unten stolpern. Seine Jacke ausziehen. Und auf der Wiese sterben.

Es war ein ganz normaler Abschied an diesem warmen Tag Anfang September. Als sie Herrn Schmidt gut untergebracht hatten, sah ich auf die Uhr und entschied, lieber an einem anderen Tag noch einmal mitzufahren. Es war so praktisch, dass das Auto gerade nah bei mir zu Hause vorbeifuhr.

Herr Rafael wusste genau den Weg, der mich am schnellsten vor die Tür bringen würde. Ich sah keinen Grund zu widersprechen. Herr Coban drückte meine Hand. "Wann kommen Sie denn wieder?", fragte er. "In zwei Wochen", sagte ich. Und ich dachte noch, dass ich ihn dann unbedingt fragen müsse, warum er Menschen so ansieht.

Für Tim B. gibt es inzwischen einen Unterbringungsbefehl. Das ist ein Haftbefehl für psychisch kranke Straftäter. Für sie gibt es nur einen Ort in Hamburg: Ochsenzoll. Er soll dorthin kommen, sobald er das Verbrennungsbett verlassen kann. Der Maßregelvollzug liegt in Sichtweite zum normalen Krankenhaus, wo Coban arbeitete. Ich weiß noch nicht, wie ich das finde. Vielleicht weiß es Rafael. Wenn es ihm besser geht.