Es ist elf Uhr, als die drei Männer im Treppenhaus nach oben gehen. Rafael bringt sich mit Coban vor der Tür in Stellung. Coban ist ein kräftiger Mann mit breiten Schultern. Er stellt sich dorthin, wo die Tür gleich aufgehen könnte. Der schlaksige Rafael steht direkt daneben, so füllen sie gemeinsam den Rahmen. Einen anderen Ausgang gibt es nicht aus diesem Wohnkasten, das haben sie überprüft. Rafael sieht sich um und sagt leise, dass alle anderen Abstand halten sollen. "Zum nächsten Treppenabsatz. Wir wissen nicht, was uns erwartet."

"Ich überlege mir immer zuerst beim Reingehen, wo ich Schutz finden könnte."
Ulf Rafael*

Es ist eine Weile her, da betrat Ulf Rafael eine Wohnung, und ein Mann stand ihm gegenüber, in der Hand ein gezücktes Küchenmesser. "Zum Glück war dort ein Stuhl als Deckung. So konnte ich mit ihm reden. Er war einfach nur verängstigt und hat mir das Messer schließlich gegeben. Aber seitdem überlege ich mir immer zuerst beim Reingehen, wo ich Schutz finden könnte."

Die meisten der Menschen, die aufgrund eines Gerichtsbeschlusses abgeholt werden, leiden an einer Wahnerkrankung wie Schizophrenie. Ausgelöst wird sie unter anderem durch den Botenstoff Dopamin. Zu viel davon wirkt aufputschend bis zur Raserei. Wer in so einem Zustand steckt, versteht die Welt nicht mehr. "Die einzelnen Worte helfen da nicht viel", sagt Rafael. "Gesten schon." Der richtige Tonfall, ruhiges Auftreten. "Das kann eine schwierige Situation sofort entschärfen. Blaulicht macht sie fast immer schlimmer."

In dem kleinen Flur ist es dunkel. Coban horcht kurz an der Tür. Dann nickt er Rafael zu. Der klingelt.

Das Geräusch hallt lange nach. Es tut sich nichts.

Leises Rascheln hinter der Wohungstür

"Herr Schmidt, hier ist das Gesundheitsamt", sagt Rafael mit gedämpfter Stimme in die Tür. "Bitte machen Sie auf, wir möchten mit Ihnen reden." Nichts. "Herr Schmidt?" Herr Schmidt reagiert nicht, warum sollte er auch, schon seit Wochen versteckt er sich in seiner eigenen Welt. Wenn sich geheime Mächte gegen einen verschwören, hilft nur eins: so tun, als ob es einen nicht gibt. Coban lächelt kurz und zeigt mit dem Finger auf eine Stelle der Tür, dahinter hört er es leise rascheln.

Mit einem Mal verändert Rafael den Tonfall. Er ist nicht mehr der nette Mann, der das Gespräch sucht, er ist der Mann mit dem Unterbringungsbeschluss. "Wenn Sie die Tür nicht öffnen, mache ich sie auf. Wir haben einen Schlüssel", sagt er scharf. Dann hebt er die Faust. Die Schläge hallen von den engen Wänden im Hausflur wider, hart und unnachgiebig. Aber es rührt sich nichts.

Die nächste Stufe: Jetzt soll wirklich aufgeschlossen werden. Rafael dreht den Schlüssel im Schloss, Coban drückt die Klinke, die Tür öffnet sich nicht. Herr Schmidt meint es ernst mit dem Widerstand. Coban hämmert, Rafael bellt. "Öffnen Sie! Sofort!!!" Herr Schmidt denkt gar nicht daran. "Haut ab", keift er von innen zurück, "ihr kriegt mich nicht!"

Es wird noch eine halbe Stunde lang dauern, bis sich die beiden entschließen, die Feuerwehr und die Polizei zu holen. Die Feuerwehr als mechanische, die Polizei als mentale Türöffnerin. "Es kann sein, dass der Mann einfach nicht weiß, ob wir die sind, die wir behaupten zu sein", flüstert Coban. "Das Durcheinander im Kopf. Manchmal helfen Uniformen, eine Tür aufzubekommen, manchmal geht sie dann erst recht zu."

Die Tür aufbohren zu lassen, das wollen beide auf jeden Fall vermeiden. Ihre Dienste sind kostenlos. Aber wenn etwas an der Wohnung kaputtgeht, muss es bezahlt werden. Die meisten Patienten haben aber kaum etwas, sie leben von der Stütze.

"Ich will in seinen Kopf kommen, ihn irritieren."
Oguz Coban*

Coban sichert jetzt mit dem Fahrer den Flur. Rafael wartet unten mit dem Betreuer auf die Verstärkung. Er bespricht mit ihm, was danach an der Tür zu tun ist. "Kaufen Sie doch ein Schloss im Baumarkt, das ist viel billiger", sagt er. "Bestimmt können Sie das auch selbst einbauen, oder?" Rafael hat eine Art, bei der man schwer Nein sagen kann. Der Betreuer nickt.

Bis die Unterstützung kommt, macht Oguz Coban Musik. Mal spielt er auf der Tür mit den Fingern Klavier, mal scharrt er wie ein kleines Tier. "Ich will in seinen Kopf kommen, ihn irritieren", sagt er. "Vielleicht macht er auf, weil er das nicht aushalten kann."