Wenn jemand Stimmen hört – und es spricht viel dafür, dass das im Kopf des Mannes hinter der Tür der Fall ist –, will er sie genau verstehen. Zusätzliche Geräusche sind eine Qual, denn das Flüstern der Stimmen ist unwiderstehlich. Es beruhigt. Es lobt. Es weiß, was zu tun ist, falls Leute in schwarzen Jacken klingeln.

Seit 30 Jahre kümmert sich Coban um "geplagte Seelen"

Coban hat keine Chance, nichts funktioniert, er muss warten und kommt ins Reden. 50 Jahre sei er alt, 30 davon habe er sich um "geplagte Seelen" gekümmert. Beim Zuführdienst ist er seit zwölf Jahren, vorher war er viele Jahre als Pfleger in der Psychiatrie. Unter anderem in Ochsenzoll.

Da gab es diesen traurigen Jungen, keine 20 Jahre alt. Als der wieder zu lächeln begann, kam er von der geschlossenen auf die offene Station. "Da hat er sich im Heizungskeller erhängt", sagt Coban. "Er hatte seine ganze Kraft zusammengenommen, um den Ärzten, um uns allen vorzuspielen, dass es ihm besser geht." Es war Coban, der den Toten herunternahm, der ihn auf eine Trage legte. Der ihn im Krankenwagen in die Leichenhalle fuhr. Er heulte, starrte durch die Autoscheibe in die Nacht, in dem Moment wurde ihm klar: Jemand muss das aufhalten. "Manche haben diese Dunkelheit, die sie tief in sich drin verstecken. Psychosen machen die Menschen von innen kaputt. So schnell. Da muss man aufpassen."

Ulf Rafael kommt mit einem Tross die Treppe hoch. Coban wird wieder an der Tür gebraucht. "Herr Schmidt", sagt er, "die Polizei ist jetzt hier. Machen Sie einfach auf. Wir wollen Ihnen doch helfen."

Nun drängen sich acht Leute in den kleinen Flur. Rafael hat zwei Feuerwehrleute, zwei Polizisten und sogar noch den Fahrer mitgebracht. Für alle Fälle. Wenn es einer so ernst meint wie Herr Schmidt mit dem Verschanzen, könnte er noch mehr planen.

"Mit Psychiatriepatienten kennt sich keiner so gut aus in dieser Stadt wie diese Männer. Die können das am besten."
Polizistin

Alle gehen jetzt extrem vorsichtig vor. Die Hierarchie dabei ist klar: Was als Nächstes gemacht wird, bestimmen die beiden Zuführer. "Wer soll hier sonst die Lage einschätzen?", sagt eine Polizistin. "Mit Psychiatriepatienten kennt sich keiner so gut aus in dieser Stadt wie diese Männer. Die können das am besten."

Es ist ein Geduldsspiel. Es reicht nicht, das Schloss aufzubohren. Für den Riegel ist ein Stemmeisen nötig. Mit einem Knall fliegt die Wohnungstür auf. Herr Schmidt ist da schon im nächsten Zimmer verschwunden. Wieder kommt der Bohrer zum Einsatz. Herr Schmidt, ein irrlichternder Schatten hinter vergilbtem Glas, hält die Türklinke fest. Auf dem Spiegel daneben klebt ein Post-it. "Ich?" steht darauf in Krakelschrift.

Als die Feuerwehrleute alle Leisten abgeschraubt und die Glasscheibe herausgedrückt haben, springen Coban und Rafael blitzschnell durch den Rahmen in das grünlich abgedunkelte Zimmer. Es geht zu schnell, um zu sehen, was sie genau machen. Plötzlich sind sie drin. Und zwischen ihnen steht mitten im Chaos von Tablettenkonfetti, leeren Bierflaschen und alter Wäsche ein zittriger Greis, die Hände zur Kapitulation erhoben. Die Haare liegen in wilden Wirbeln. Seine Schultern sind tief gebeugt. Er riecht ein wenig. "Ich komm ja mit", sagt er und beginnt sofort eine Konversation mit den Männern. "Ist Merkel noch Bundeskanzlerin? Wirklich? Bei dem Wetter? Was für ein Sommer, waren Sie mal draußen? Kann ich meine Jacke mitnehmen?"

Herr Schmidt trippelt brav mit

"Das ist doch nicht meine Jacke, das ist mein Mantel!", sagt Schmidt, da lächelt Rafael zum ersten Mal. Er erkundigt sich, wonach genau er schauen soll, und geht suchen. Die Polizisten ziehen ihre Handschuhe aus, die Feuerwehrleute packen das schwere Gerät zusammen. Als die Jacke gefunden ist, nehmen die beiden Männer vom Zuführdienst den alten Mann in ihre Mitte. Erst fasst jeder ein Handgelenk. Aber als Herr Schmidt brav wie ein kleines Kind mittrippelt, sehen sich Ulf Rafael und Oguz Coban kurz an. Beide lassen los. Herr Schmidt, der friedliche, darf sich als beinahe freier Mann nach unten bis zum Auto plaudern. "Waren Sie mal in Venetien?" – "Nein. Sie?" – "Ja, als Junge in der Schulzeit. Ist schön da." – "Das glaub ich."

Sobald sie unten sind, lässt Herr Schmidt sich in das schwarze Kunstlederpolster sinken. Ulf Rafael nimmt, bevor er mit ins Auto steigt, die Feuerwehrmänner zur Seite: "Die Leisten macht ihr noch an die Tür, oder? Ist ja für einen guten Zweck. Danke. Ich schulde euch was."