30 Minuten später in Ochsenzoll. Ein redseliger Paranoiker ist zusammen mit einer freundlichen Pflegerin in den aquarellbetupften Weiten des Klinikflurs verschwunden. Rafael zündet sich draußen eine Zigarette an. Er hat noch etwas zu sagen, zu der Bedrohung, die hinter Türen lauern könnte. Und zur Polizei, die deswegen in anderen Bundesländern solche Einsätze übernimmt. "Wir können ja nicht durch das Holz gucken, wir wissen nie, was dahinter ist", sagt er. "Trotzdem muss ein Mensch da rein." Er betont das Wort "Mensch" und meint: einer von ihnen, vom Zuführdienst. Einer, der Türen lieber ohne Eile öffnet und der versteht, wie groß der Unterschied zwischen einem Mantel und einer Jacke sein kann. "Wenn wir die Polizei holen, weil wir einen Patienten für gefährlich halten, schicken sie die Hunde vor, das ist eine neue Dienstanweisung. Aber unsere Patienten sind keine Schwerverbrecher, die brav das Messer fallen lassen. Sie sind krank, haben Angst vor der Welt und verstehen kaum, was passiert. Ein knurrender Hund macht es schlimmer. Am Ende stirbt noch jemand. Das riskiere ich lieber nicht." – "Ja", sagt Coban. "Unsere Patienten sind wie kleine Kinder. Sie wissen nicht, was sie tun."

Das Dunkle verschlang ihn

Die Tür, die wenige Tage nach dem Einsatz mit Herrn Schmidt in Harburg auf Ulf Rafael und Oguz Coban wartet, wird erst einmal harmlos wirken. In den Akten, die sie vorher durchgehen, wird zwar auch etwas von Psychose stehen und etwas von Stimmen. Aber nichts lässt erahnen, dass bei Tim B. Dämonen warten, die von Feuer flüstern.

Bestimmt sind die beiden Männer des Zuführdienstes den Fall vor dem Haus noch mal durchgegangen und wollten von dem Betreuer mehr über ihren Patienten wissen. Dann haben sie sich wieder vor der Tür aufgebaut. Haben sich noch einmal angesehen. Und dem Mann drinnen Bescheid gesagt, dass sie jetzt da sind, um ihm zu helfen.

Über das, was danach geschah, sind bisher nur Bruchstücke bekannt. Die Oberstaatsanwältin weiß zumindest, dass die erste Tür noch mit dem Schlüssel aufging, den der Betreuer dabeihatte. Vielleicht konnten die beiden dann den Spiritus riechen. Oder es gab ein anderes Alarmsignal. Jedenfalls trat Coban die nächste Tür ein: die Zimmertür, hinter der sie ihren Patienten hörten.

Coban hatte noch davon erzählt: dass es manchmal so schnell gehen müsse, dass sie keine andere Wahl hätten, als den Fuß mit voller Wucht aufs Türblatt krachen zu lassen.

Nachdem die Tür aufgeflogen war, hatten die Stimmen gewonnen. B. muss schon lange gewartet haben. Das ganze Zimmer war voll mit verdampftem Ethanol, als ein Feuerzeug zündete.

Wollte Coban diesmal das Dunkle aufhalten?

Rafael mit seiner Vorsicht hat wohl die Sekunde vor dem Inferno gereicht, um die Dusche zu bemerken. Die Feuerwehrleute sagen, er überlebte nur, weil er sich selbst löschte. Was war mit Coban? Hat er den anderen Jungen in B.s Augen gesehen? Wollte er diesmal das Dunkle aufhalten?

Es war da, und es hat ihn blitzschnell verschlungen. Coban konnte nur noch nach unten stolpern. Seine Jacke ausziehen. Und auf der Wiese sterben.

Es war ein ganz normaler Abschied an diesem warmen Tag Anfang September. Als sie Herrn Schmidt gut untergebracht hatten, sah ich auf die Uhr und entschied, lieber an einem anderen Tag noch einmal mitzufahren. Es war so praktisch, dass das Auto gerade nah bei mir zu Hause vorbeifuhr.

Herr Rafael wusste genau den Weg, der mich am schnellsten vor die Tür bringen würde. Ich sah keinen Grund zu widersprechen. Herr Coban drückte meine Hand. "Wann kommen Sie denn wieder?", fragte er. "In zwei Wochen", sagte ich. Und ich dachte noch, dass ich ihn dann unbedingt fragen müsse, warum er Menschen so ansieht.

Für Tim B. gibt es inzwischen einen Unterbringungsbefehl. Das ist ein Haftbefehl für psychisch kranke Straftäter. Für sie gibt es nur einen Ort in Hamburg: Ochsenzoll. Er soll dorthin kommen, sobald er das Verbrennungsbett verlassen kann. Der Maßregelvollzug liegt in Sichtweite zum normalen Krankenhaus, wo Coban arbeitete. Ich weiß noch nicht, wie ich das finde. Vielleicht weiß es Rafael. Wenn es ihm besser geht.