Mitten in einem militärischen Sperrgebiet in Nordzypern riecht es nach Schnitzel und gutbürgerlicher österreichischer Küche. Die Köchin heißt Elsie Slonim, ist aufgewachsen in Baden bei Wien, heute 100 Jahre alt, und weiß: "Wenn die Türken sagen, dass ich raus muss, dann muss ich raus. Es ist eine prekäre Situation." Slonim ist die einzige Zivilistin, die in dieser Militärzone im türkischen Teil der Hauptstadt Nikosia lebt, begleitet nur von dem Dackel, der auf ihrem Schoß liegt und Schatzi gerufen wird – eine Hommage an eine lang vergangene Jugend in Österreich.

Die Lebensreise von Elsie Slonim, geborene Kalmar, beginnt am 21. November 1917 in Brooklyn als Kind jüdisch-österreichischer Auswanderer. Es ist eine Reise, die nach dem Ersten Weltkrieg zuerst zurück nach Österreich führt, dann nach Ungarn und Rumänien, mehrmals wieder nach Amerika, nach Palästina, nach Israel und letztlich nach Zypern. Immer wieder haben sie und ihre Familie alles verloren – und immer wieder neu aufgebaut. Seit dem Tod ihres Mannes David im Jahr 2007 lebt sie allein im Militärsperrgebiet, ohne Garantien und Sicherheiten.

Rund um Slonims Haus befand sich einst das Villenviertel von Nikosia, dessen Bewohner bei der Besetzung des nördlichen Teils der Insel durch die Türkei im Jahr 1974 ihre Häuser über Nacht verlassen mussten. Weil aber Slonims Mann vor Jahrzehnten einem Plantagenarbeiter das Leben gerettet hatte, dessen Sohn später einen hohen militärischen Rang bekleidete, durfte das Paar als einzige Zivilisten bleiben.

"In Wahrheit ist das alles hier schon Militäreigentum", sagt Slonim und meint auch das Wohnzimmer, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Der Raum ist voll von alten Büchern, wie etwa Originalausgaben von Franz Werfel, silbernen Jugendstil-Gefäßen und Bestecken, Schallplatten mit jüdischen Liedern und mit Slonims liebster Oper, dem Rosenkavalier.

Das große einstöckige Haus ist ein eigentümlicher Ort, umgeben von hohen Bäumen, die den Blick auf das umgebende Militärsperrgebiet verhüllen. Wären da nicht der Checkpoint und die vielen Warntafeln, könnte man das Areal für einen Park halten. Man hört Vogelgezwitscher, den Wind in den Bäumen, manchmal ferne Polizeisirenen aus der Stadt. Doch hinter der verwachsenen Natur sind rundum die zerschossenen Villen zu sehen, die seit über vier Jahrzehnten verfallen.

Das Gebiet gehört zu einer viel größeren Sperrzone. Als Demarkationslinie zwischen Orient und Okzident teilt diese Green Line seit den Achtzigerjahren Insel und Hauptstadt: in die Republik Zypern, die zur EU gehört, im Süden; und in die Türkische Republik Nordzypern, die international nicht anerkannt wird. Die UN-Pufferzone zieht sich wie eine Narbe durch Nikosia, geprägt von verfallenen Häusern, abgesperrten Straßen und Militärkontrollen – obwohl der eigentliche Krieg mehr als 40 Jahre zurückliegt.

Es ist einer von vielen Kriegen, die Elsie Slonim erlebt hat. Im Jahr 1913 wanderten ihre Eltern in die USA aus und bauten dort einen Textilbetrieb auf. Nachdem die USA im Ersten Weltkrieg auch Österreich-Ungarn im Dezember 1917 den Krieg erklärt hatte, sei sie als Bürgerin der Monarchie "über Nacht zur feindlichen Ausländerin" geworden, erzählt Elsie Slonim. "Mein Vater wollte daher nach Österreich zurück." Slonim war knapp 18 Monate alt, als die Familie nach Baden bei Wien zog; in ein nur wenige Minuten vom Stadtzentrum entferntes Haus, das es heute noch gibt. Slonim verbrachte dort mit ihrer Schwester Stella, die mittlerweile 103 Jahre alt ist und in Israel lebt, den größten Teil ihrer Kindheit. Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme ging die Idylle zu Ende. Dass sie als Jüdin immer mehr Repressalien von Menschen ausgesetzt war, die am Vortag noch Freunde waren, zeigte Slonim zum ersten Mal menschliche Grenzen auf. In der Schule war sie plötzlich die "Wanze an der Wand", das jüdische Feindbild jener Zeit.

Schon im ersten Jahr der Nazi-Herrschaft waren die Zustände unerträglich geworden. Auch wenn Slonim beim Erzählen heute lächelt, liegt Trauer in ihren Augen: "Ich dachte, ich sei Österreicherin. Ich habe doch immer ein Dirndl getragen."

Gemeinsam mit ihrer Schwester beschloss Slonim, in die USA zurückzukehren – an Bord der legendären Queen Mary I. Während der Passage lernte sie einen jungen Mann kennen: David Slonim, einen Juden aus Palästina, der russische Wurzeln hatte und auf Zypern einige Zitrusplantagen betrieb. Sie verliebte sich in ihn, dennoch trennten sich nach der Ankunft in New York ihre Wege: Er musste nach Kalifornien, sie zu Verwandten nach Chicago. Er wollte ihre Adresse haben, sie glaubte nicht, dass er sich jemals wieder melden würde, und gab ihm eine falsche.