Zuerst einmal gibt es eine Geschichte, wie man sie schlecht und recht nacherzählen kann: Eine Aufzugfabrik im Industriegürtel von Lissabon wirft nicht genug Profit ab und soll, möglichst unauffällig, abgewickelt werden. Die Arbeiterinnen und Arbeiter bemerken, dass nächtens die Maschinen im Auftrag der Geschäftsführung abgeholt werden: Die Firma bestiehlt sich selbst, um den lästigsten Kostenfaktor, die menschliche Arbeit, zu eliminieren, denn wo keine Maschinen mehr sind, da gibt es auch keine Arbeit. Als die Belegschaft sich zur Wehr setzt, greift die Firmenführung zu anderen, bewährten Mitteln.

Eine neue "Personalmanagerin" versucht mit Versprechungen und Drohungen, die Arbeiter zur freiwilligen Kündigung zu veranlassen. Und weil sie die Mitarbeiter, deren es sich zu entledigen gilt, bis in ihr Privat- und Familienleben verfolgt, entsteht als gewünschter Nebeneffekt bald Missgunst unter den Arbeitern, die ihre Arbeitsplätze verteidigen wollen. Am Ende bleibt ein Häuflein der Tapferen, denen klar ist, dass es hier nicht nur um Geld, sondern auch um Würde geht. Als dann eine Delegation zu den Chefs der Firma geschickt wird, stellt sich heraus: Die Führungsriege hat sich aus dem Staub gemacht. Die verbliebenen Arbeiterinnen und Arbeiter stehen mit einer halb funktionstüchtigen Fabrik für Aufzüge da. Wie weiter? Kapitulation? Nein. Stattdessen: Neuanfang als von Arbeitern selbst verwalteter Betrieb. Eine Utopie. Kein Wunder, dass die Menschen, von denen diese Geschichte erzählt, nun singen und tanzen.

A Fábrica de Nada erzählt nämlich diese Geschichte nicht einfach, wie es vielleicht ein "Arbeiterfilm" vergangener Tage getan hätte, und er reduziert sich auch nicht auf das moralisch-politische Dilemma zwischen Familien- und Klassensolidarität, wie es die Gebrüder Dardenne etwa in Zwei Tage, eine Nacht taten; er ist nicht von dieser heroisch-stoischen Sympathie für working class-Rebellen durchdrungen wie Filme von Ken Loach, und obwohl es in diesem Film von Pedro Pinho sehr viel und ernsthaft um Theorie und Form geht, entzieht er sich nicht dem emotionalen Engagement, wie es Jean-Luc Godard tat, der vor etwa vierzig Jahren vermutlich zu Recht postulierte: "Die Kunst für die Massen ist eine Erfindung der Kapitalisten."

A Fábrica de Nada denkt, in Bildern, in Worten, in Bewegungen und nicht zuletzt in Musik, über alle Möglichkeiten nach, Film und Politik miteinander zu verbinden. Der klassische teilnehmende Dokumentarismus, pasolinische Überhöhungen, Neorealismus, Melodrama, Komödie, brechtsche Verfremdungen, sogar Surrealismus und schließlich Musical: Alles wird in diesem Film erprobt und wunderbar montiert. Man folgt den Figuren der Haupthandlung in die unterschiedlichsten Lebensbereiche, in Liebe und Familie, in Träume von Kunst und Sport, in Landschaften von trister Schönheit, auf Punkkonzerte und zu der Frage, ob eher der traditionalistische Fado des António Severino oder der Stil der formbewussten Erneuerung von Manuel Canané der eigenen Lebensbedingung adäquat ist.

Im Kern enthält A Fábrica de Nada eine einfache, quasidokumentarische Versuchsanordnung, die mit Episoden, Assoziationen, Träumen, Reisen durch die Stadt, Momentaufnahmen, theoretischen Diskussionen, Medien-Zitaten und, ganz wichtig, mit Humor angereichert ist. Aber zugleich ist der Film so detailgenau, dass jede Einstellung wieder wie das Tor zu einer eigenen Geschichte ist, so wie jeder Mensch in diesem Film das Recht auf seine eigene Geschichte behält, so exemplarisch seine Situation auch sein mag. Niemand ist hier auf den Typus reduziert, auch die "Schurken" des Lehrstücks nicht. Und hinter dem Lehrstück mit seinen Taktik-Diskussionen kommt der poetische Realismus zum Vorschein, dahinter Komödie und Tragödie, dahinter archaischer Raum, Jagd und Ritus, dahinter die Abstraktion der Formfragen und dahinter wieder Politik. Als würden neben den äußeren Formen auch die inneren Energien des Filmemachens mit schöner Wucht freigesetzt.

Die Befreiung, von der A Fábrica de Nada träumt, vollzieht der Film nämlich auch selbst. Es ist ein Film, der sich alles erlaubt und der das kann, weil er für all das gute Gründe hat. Der formale Reichtum und die immer wieder überraschend in- und übereinandergeschichteten Ebenen von Reflexion und Kritik, einschließlich einer kritischen Anwesenheit des intellektuellen Filmemachers selbst, funktionieren, weil sie von beeindruckender cineastischer Intelligenz zusammengehalten werden. Dieser Film ist so komplex, dass am Ende etwas sehr Einfaches herauskommt.

Drei Stunden, von denen keine Minute zu viel erscheint, denn in jeder wird die gesamte Geschichte des politischen Kinos reaktiviert, um die zugleich einfachste und schwierigste Frage zu beantworten: Was wird geschehen, wenn sich das System nicht mehr als Dauerkrise immer wieder Zeit verschafft und wenn die "Verantwortlichen" sich wie die Führungsetage der Aufzugfirma davongemacht haben? Es gibt keine widerspruchsfreie, endgültige Antwort; A Fábrica de Nada ist meilenweit von einem "Agitprop-Film" entfernt, und dass ein Arbeiter dem vom Regisseur selbst verkörperten Intellektuellen beim Spaziergang im Niemandsland des Stadtrandes das "Linken-Gewäsch" vorhält, bevor er ihn zu Boden schubst (danach werden sie ihren Weg dennoch gemeinsam fortsetzen), gehört ebenso zur Bestandsaufnahme wie die Frage der Arbeiterin, wer denn in der selbst verwalteten Fabrik dafür sorgen könne, dass ihre Kinder genug zu essen bekommen. Und dafür, dass nicht an die Stelle der verschwundenen einfach neue Bosse treten. A Fábrica de Nada ist einer der wichtigsten Filme zurzeit.

"A Fábrica de Nada" läuft ab 18. Oktober in den deutschen Kinos.