DIE ZEIT: Herr Dalhuisen, die Menschenrechte, vor allem das Asylrecht, geraten weltweit unter Druck. Derzeit werden beispielsweise die Seenotretter vor Libyen scharf attackiert, dort ertrinken wieder mehr Flüchtlinge. Sie hatten eine Führungsposition bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Warum haben Sie hingeworfen?

John Dalhuisen: Weil viele Menschenrechtler, auch Amnesty, die große Bedrohung der Gegenwart unterschätzen: die Trumps, Orbáns und Salvinis, rechtspopulistische Politiker und Parteien, die lieber heute als morgen die menschenrechtlichen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte auf den Müllhaufen der Geschichte werfen würden. Wie reagieren die Menschenrechtsorganisationen darauf? Statt zu überlegen, wie man zum Beispiel mit klugen Kompromissen den Kern des Flüchtlingsrechts rettet, blenden sie mit ihrer unnachgiebigen Haltung die politische Realität aus. Sie weichen keinen Jota von ihren absoluten Positionen ab und verschließen sich jedem Deal.

ZEIT: Haben Sie ein Beispiel?

Jurist John Dalhuisen © Martin Klingst für DIE ZEIT

Dalhuisen: Den Ausschlag für meinen Ausstieg bei Amnesty gab letztlich das strikte Nein vieler Menschenrechtsorganisationen zum Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei. Bis heute lehnen sie es ab, die Türkei als einen für Flüchtlinge sicheren Drittstaat anzuerkennen und syrische Asylbewerber, die nach Griechenland übersetzen, dorthin zurückzuschicken. Statt moderate Politiker wie Kanzlerin Merkel in ihrem Bemühen zu unterstützen, Flüchtlingsbewegungen effektiver zu kontrollieren und zugleich den Kern des Flüchtlingsschutzes zu bewahren, machen sie Front gegen den Vertrag. Mit dieser Sturheit aber verliert man die Bevölkerung – und auch den Kampf um den Flüchtlingsschutz. Denn am Ende werden die Moderaten abgewählt, und es siegen die Rechtspopulisten. Ich habe mich deshalb nach meinem Ausstieg bei Amnesty der "Europäischen Stabilitätsinitiative" angeschlossen, die mit dem Ziel, die Genfer Flüchtlingskonvention zu retten, nach pragmatischen Lösungen sucht. Die großen Migrationszahlen haben viele Bürger in Europa verunsichert, die etablierten Menschenrechtsvereine dürfen diese Sorgen und das Dilemma der Politik nicht einfach ignorieren.

ZEIT: Präsident Erdoğan verfolgt politische Gegner. Wie können Sie die Türkei als sicher bezeichnen?

Dalhuisen: Für jene Oppositionellen und Kritiker der Regierung, denen Erdoğan zu Leibe rückt, ist die Türkei gewiss kein sicheres Land. Für die meisten Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien hingegen schon – und um sie geht es hier.

ZEIT: Erdoğan hat einen Zaun an der Grenze zu Syrien gebaut, viele Syrer können nicht mehr fliehen. Wie kann da die Türkei ein sicheres Land für Flüchtlinge sein?

Dalhuisen: Die Grenzschließung ist keine Folge des EU-Türkei-Abkommens. Sie wäre auf jeden Fall gekommen, zum einen aus strategischen Interessen der Türkei in der Region, zum anderen, um weitere Flüchtlinge aus Syrien fernzuhalten. Dieser Zaun beeinträchtigt aber nicht die Sicherheit syrischer Flüchtlinge, die bereits in der Türkei sind oder von Griechenland dorthin zurückgeschickt werden. Dennoch sollte die Umsetzung des Deals besser als bisher überwacht werden, zum Beispiel durch einen unabhängigen Beobachter, der den griechischen Behörden regelmäßig über die Lebensbedingungen syrischer Flüchtlinge in der Türkei berichtet. Ganz grundsätzlich aber gilt: Seit es das Abkommen gibt, bleiben die meisten syrischen Flüchtlinge in der Türkei, wo es ihnen dank der vielen Euro aus Brüssel auch besser geht als in den Lagern auf den griechischen Inseln. Der Flüchtlingsdruck auf der Balkanroute hat drastisch nachgelassen, und es ertrinken in der Ägäis zum Glück kaum noch Menschen. Das ist trotz aller Unzulänglichkeiten des Abkommens ein großer Erfolg. Doch viele Menschenrechtler nehmen das nicht wahr und sprechen von einem faulen Kompromiss, einem Pakt mit dem Teufel.