DIE ZEIT: Frau Nahles, wir wollen mit Ihnen über den Zustand der Regierung reden – und beginnen mit der CSU. Wenn die Partei am Sonntag ein Desaster erlebt, welche Folgen hat das für die Groko in Berlin?

Andrea Nahles: Da zitiere ich einen hochrangigen CDU-Politiker: Es werden schwierige Wochen.

ZEIT: Aber schwierige Wochen hat diese Regierung doch schon seit Monaten!

Nahles: Das stimmt. Seit Beginn der Regierungsarbeit, eigentlich sogar schon seit Beginn der Koalitionsverhandlungen belastet der Richtungsstreit innerhalb der Union diese Koalition ganz massiv. Wir haben jetzt zwei veritable Regierungskrisen hinter uns. Beide Male ging es in Wahrheit um den Riss bei CDU und CSU, der im Übrigen nicht zwischen den beiden Parteien verläuft – sondern mitten durch beide Parteien hindurch. Die vielen guten Leistungen dieser Koalition wurden davon völlig überlagert.

ZEIT: Seit Monaten trägt Horst Seehofer immer wieder neuen Ärger in die Regierung, positioniert sich permanent gegen die Kanzlerin und oft auch gegen die SPD. Kann es nur dann einen Neubeginn für die Groko geben, wenn Seehofer die Regierung verlässt?

Nahles: Die CSU wird ab Montag sehr viel Klärungsbedarf haben. Und nach der Landtagswahl in Hessen zwei Wochen später womöglich auch die CDU. Ich hoffe, dass sich das dann positiv auf die Arbeit der Koalition auswirkt.

ZEIT: Und wenn der Dauerzoff nicht endet, was macht dann die SPD?

Nahles: Wir wollen, dass diese Regierung vernünftig zusammenarbeitet, um das Leben der Leute besser zu machen – und dass die Bürgerinnen und Bürger auch merken, woran die Regierung arbeitet. Wenn der unionsinterne Zoff aber weiterhin alles überlagert, macht gute Sacharbeit natürlich irgendwann keinen Sinn mehr. Eine große Koalition muss Größeres von sich verlangen, als es schon als Erfolg zu feiern, wenn mal eine Woche lang keine Regierungskrise ist. Das haben hoffentlich alle verstanden.

ZEIT: Welchen Anteil hat die Kanzlerin am Zustand der Regierung?

Nahles: Es ist bisher nicht gelungen, die Koalition in ruhiges Fahrwasser zu bringen. Daran hat die Regierungschefin natürlich ihren Anteil. Frau Merkel ist CDU-Vorsitzende. Sie ist die Kanzlerin. Sie hat die Richtlinienkompetenz. Sie hat also viele Mittel in der Hand, um dieser Regierung Stabilität zu geben. Sie nutzt sie nur nicht.

ZEIT: Es wurde zuletzt viel über Merkels Machterosion geschrieben. Wie erleben Sie die Kanzlerin? Erodiert ihre Macht?

Nahles: Ich würde mir von Frau Merkel oft mehr Führung und Haltung wünschen. In den letzten Wochen gab es dafür wieder einige Anlässe.

ZEIT: Sie beziehen sich jetzt auf das Dreiertreffen im Kanzleramt zwischen Ihnen, Merkel und Seehofer, in dessen Verlauf der umstrittene Verfassungsschutzchef Maaßen nicht entlassen, sondern sogar noch befördert wurde – inklusive Gehaltserhöhung.

Nahles: Ich hatte mir vorgenommen, dass Maaßen als Präsident des Verfassungsschutzes abgelöst wird. Seehofer wollte ihn behalten. Das Ergebnis kennen Sie.