ZEIT: Dann reden wir über die SPD. In Bayern liegt Ihre Partei nur noch bei 11 Prozent, bundesweit stehen Sie mit 17 Prozent auch nicht viel besser da. Was verstört die Wähler an der SPD?

Nahles: Unser Problem ist nicht, dass wir zu viele verstören. Es geht vielmehr darum, dass wir mehr Menschen für uns begeistern müssen. Das hat in dieser Regierung noch nicht so gut geklappt. Über die Gründe haben wir uns bereits unterhalten. Aber in den wenigen Momenten, in denen es uns gelungen ist, Power zu machen bei der Rente und dem bezahlbaren Wohnen, kam das gut an. Das zeigt: Auch in dieser Regierung steckt Potenzial für die SPD. Um wieder mehr Menschen für uns zu begeistern, müssen wir uns aber mehr vornehmen. Die SPD muss der Ort lebendiger Debattenkultur sein. Da will ich hin.

ZEIT: Wie?

Nahles: Wir werden uns aus dem gedanklichen Gefängnis der Agendapolitik, über die wir viel zu lange rückwärtsgewandt geredet haben, befreien. Wir werden ein neues, modernes Sozialstaatskonzept entwickeln für den "Sozialstaat 2025". Wir werden da mit einigen Sachen aufräumen, die uns als SPD immer noch blockieren. Es wird die sozialdemokratische Antwort auf die Herausforderungen des digitalen Kapitalismus sein.

ZEIT: Sie denken zum Beispiel an ein solidarisches Grundeinkommen? Oder woran?

Nahles:"Solidarisches Grundeinkommen" war doch mal ein guter Debattenaufschlag. Aber es gibt noch mehr, und das ist uns willkommen.

ZEIT: Als Parteichefin wollen Sie das Profil der SPD schärfen. Und als Fraktionsvorsitzende müssen Sie permanent Kompromisse mit der Union eingehen, die das Profil verwässern. Das grenzt doch an politische Schizophrenie.

Nahles: Nein. Ich habe noch nie Probleme damit gehabt, den Leuten zu vermitteln: Das haben wir in der Groko erreicht – aber wir wollen mehr. Ich weiß, dass eine kleine Gruppe in der SPD nicht glauben will, dass man sich auch innerhalb einer Regierungskoalition erneuern kann ...

ZEIT: … Sie meinen Kevin Kühnert und die Jusos, die von Beginn an gegen die Groko waren?

Nahles: Auch. Bei meiner Wahl zur SPD-Vorsitzenden habe ich 66 Prozent der Stimmen erhalten, also 34 Prozent eben nicht. Das entsprach der Zahl der Groko-Gegner beim Mitgliedervotum. Ich respektiere deren Kritik. Ich erwarte aber auch, dass die Kritiker der großen Koalition nicht nur Haltungsnoten verteilen, sondern sich inhaltlich stärker einbringen.

ZEIT: Jetzt klingen Sie ziemlich genervt.

Nahles: Wir haben einige harte Monate hinter uns. Und mich nervt vor allem eins: die Unduldsamkeit. Politik braucht auch längere Linien.

ZEIT: Was machen Sie mit den Unduldsamen?

Nahles: Tja.