Cergy ist eine aus dem Boden gestampfte Retortenstadt vor den Toren von Paris, in der es kein urbanes Leben und eine amerikanische Einfamilienhauswüste gibt. Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux wohnt hier seit vier Jahrzehnten in einem großen Haus, aus dessen Fenstern der Blick weit über das Tal der Seine bis zu den Wolkenkratzern von La Défense geht. Zwei Kinder hat sie hier großgezogen. Über 30 Jahre hat sie im Nachbarort im Schuldienst gearbeitet. Nach Paris ist sie nie gern gefahren, obwohl der Pendlerzug dahin nur 40 Minuten braucht. Am liebsten ist sie immer hier draußen geblieben.

Es ist ein warmer Nachmittag im September, die Fenster im Bibliothekszimmer stehen weit offen. Annie Ernaux trägt Jeans und hat in einem alten Sessel Platz genommen, hinter sich die in Leder gebundenen Bände der Bibliothèque de la Pléiade, der Kanon der französischen Literatur. Sie erklärt, warum sie sich nach Jahrzehnten des Schreibens noch immer nicht als Schriftstellerin fühlt. "Meine Eltern waren Proletarier. Ich fühle mich schuldig, wenn ich schreibe, ich fühle mich schuldig, meine Eltern mit den Augen der Bourgeoisie zu beurteilen."

In Deutschland ist Annie Ernaux nach der Veröffentlichung ihrer persönlichen Chronik der Nachkriegszeit (Die Jahre) in aller Munde. Gerade ist ein neues autobiografisches Buch über ihr sexuelles Erwachen im Jahre 1958 in deutscher Übersetzung erschienen. Der Soziologe Didier Eribon, dessen autobiografischer Essay Die Rückkehr nach Reims viele Leser begeistert hat, weil sie meinten, mit diesem Buch zu verstehen, warum die kleinen Leute früher links und heute Le Pen wählen, hat sich auf Annie Ernaux’ autobiografisches Schreibprojekt berufen. Doch anders als Eribon, der in seinen Büchern überheblich mit seinen Proletariereltern abrechnet, liebt Annie Ernaux ihre Eltern und hat die Flucht aus der sozialen Klasse nie überwunden. Noch mit 78 Jahren fühlt sie sich weder in ihrem Herkunftsmilieu noch in der französischen Kulturelite, die ihre Bücher verlegt und liest, zu Hause. Sie habe, sagt sie in ihrer Pléiade-Ecke in Cergy, ihr Leben in einer "demi-solitude", in einer Halb-Einsamkeit verbracht. "Außerdem bin ich eine Frau, das verändert viel, ich wurde angegriffen, weil ich eine Frau bin."

Ihre autobiografischen Romane über ihre Herkunft aus dem französischen Kleinbürgertum waren eine Provokation. Das ist insofern verständlich, als die französische Literatur seit Jahrhunderten nahezu exklusiv vom Pariser Großbürgertum und von den Grandes Écoles der Hauptstadt beliefert wird. Schriftstellerkarrieren von Kleinbürger- oder Arbeitersöhnen wie die des Schreinersohns Heinrich Böll oder des Wirtshaussohnes Martin Walser waren in Saint-Germain-des-Prés im Prinzip nicht vorgesehen. Ausnahmen gibt es natürlich. Albert Camus, Sohn einer frankoalgerischen Putzfrau, hatte in den Kriegs- und Nachkriegswirren den Abwehrschirm der Pariser Kulturelite furios durchbrochen. Für die Krämertochter Annie Ernaux, die sich das intellektuelle Kräftemessen mit den Pariser Mandarinen ihr Leben lang erspart hat, spielt der aus dem Subproletariat stammende französische Nobelpreisträger eine lebensentscheidende Rolle als Portalsfigur eines unmöglichen Aufstiegs. Sie sucht jetzt schon seit Minuten in ihren zahllosen Pléiade-Bänden nach Camus’ kurzer autobiografischer Geschichte Zwischen Ja und Nein. Die hat sie ihrem späteren Ehemann Philippe Ernaux bei einem ihrer ersten Treffen zu Beginn der 1960er-Jahre zu lesen gegeben, damit er wisse, wer sie sei: "Ich konnte ihm das nur mit Camus erklären." Camus schreibt darin voller Wehmut in Gedanken an die Welt seiner Mutter in Algier, die er für immer verlassen hat: "In der Armut liegt eine Einsamkeit, aber es ist eine Einsamkeit, die jedem Ding seinen Wert verleiht." Der erste Band der Camus-Werkausgabe bleibt im Moment in der französischen Hochkultur-Ecke im Hause Ernaux jedoch unauffindbar.

Annie Ernaux sagt, sie habe zu schreiben begonnen, weil die Familie sich nichts zu sagen gehabt habe. Zunächst verfasste sie Hunderte von Seiten über ihren Vater. Aber die Sprache dieses Vater-Romans kam ihr am Ende falsch und verlogen vor. Das Weltwunder der französischen Literatursprache versagte vor Annie Ernaux’ Vater. Schließlich verfiel die Debütantin, die stark von Autoren des Nouveau Roman wie Michel Butor oder Alain Robbe-Grillet beeinflusst war, auf eine "écriture factuelle", einen scheinbar puristischen, aufs Faktische beschränkten Stil, mit dem sie gegen die "belle langue", die schöne Literatursprache, anschreiben konnte, in einem Berichtston ohne Metaphern, ohne Interpretationen, ohne Passé simple (die edle literarische Vergangenheitsform des Französischen). In diesem ausgenüchterten Präzisionsstil konnte sie die Geschichte vom normannischen Arbeitersohn, der sich hocharbeitet zum Inhaber eines kleinen Lebensmittelladens mit Kaffeeausschank und mit 67 Jahren stirbt, schließlich erzählen. Sie habe "un fou de temps", verrückt viel Zeit, an diesem Buch über den normannischen Lebensmittelhändler gearbeitet. Als es 1983 erschien, standen darin störrische und stolze Sätze, die den Abgrund zwischen ihrer Herkunft und der Welt der französischen Kultur vermaßen: "Wenn ich Proust oder Mauriac lese, glaube ich nicht, dass sie von derselben Zeit schreiben, in der mein Vater Kind war. Sein Lebensrahmen war das Mittelalter."

Die "historische Scham" der Unterwerfung

Annie Ernaux erzählt das alles an diesem Septembernachmittag in einem atemlosen Tempo, in dem die Dinge unmerklich ins Gleiten geraten. Alles, sagt sie, habe damit angefangen, dass sie gut in der Schule gewesen sei. Den Rest habe das französische Schulsystem besorgt. Die Schule und das Studium haben sie von ihren Eltern und ihrer Herkunft weiter und weiter entfernt. Mit jedem neuen Buch versucht sie, in ihre Ursprungswelt wieder einzutauchen. Doch eine vollständige Wiederaneignung ist unmöglich, weil sie mit denselben Mitteln unternommen wird, die zum Verlust des früheren Selbst geführt haben. Der Arbeitersohn Didier Eribon zitiert in seinem Buch Gesellschaft als Urteil den Bauernsohn Pierre Bourdieu, den Annie Ernaux ebenso bewundert wie Albert Camus. Bourdieu schreibt: "Die ganze Beschwerlichkeit des Weges, der zur Versöhnung mit dem Selbst zurückzulegen ist, liegt darin begründet, dass die Instrumente der Wiederaneignung der verleugneten Kultur von jener Kultur zur Verfügung gestellt werden, die diese Verleugnung durchgesetzt hat."

In ihrem neuen Buch versucht Annie Ernaux dennoch genau das: den beschwerlichen Weg der Versöhnung mit sich selbst zurückzulegen. Sie versetzt sich in das 18-jährige Mädchen zurück, das sie im Jahr 1958 gewesen ist, als sie in einer Ferienkolonie ihre ersten sexuellen Erfahrungen machte. Der Gedanke, sie könnte sterben, ohne über dieses fremde Mädchen, das sie selbst war, geschrieben zu haben, ließ ihr keine Ruhe. Dieses Mädchen wiederzufinden bedeutete, den ranzigen Geschmack der Fünfzigerjahre noch einmal zu kosten, die Qualen zurückzuholen, die eine junges Mädchen empfand, das zehn Jahre vor der sexuellen Revolution "dem universalen Gesetz der wilden Männlichkeit" nachgab und gegen seinen Willen mit einem jungen Mann schlief, weil es die duldungsstarre Unterwerfung unter den männlichen Sexualtrieb für das natürliche Aufgabengebiet der Frauen hielt. Danach verliebte sie sich in den Missetäter und wurde von allen als "Nutte" behandelt. Sie hat sich entsetzlich geschämt.

"Ich fühle mich schuldig" © Suhrkamp

Dieser "historischen Scham" der Unterwerfung und der Unfreiheit, die noch zehn Jahre lang nicht nur ihr Leben, sondern das Leben aller Frauen ihrer Generation begleitete, ist dieses Buch gewidmet: "Zehn Jahre, in den Augen der Geschichte eine kurze Zeit, aber sehr lang für ein junges Leben, Tausende von Stunden und Tagen, in denen die Bedeutung der Dinge, die Bedeutung dessen, was man erlebt hat, sich nicht verändert und man sich weiter schämt."

Es fiel ihr schwer, in eine Zeit zurückzukehren, die den Anwendungsbereich für Wörter wie Missbrauch und Vergewaltigung ganz anders fasste und in der die Frauen sich dem, was Normalität genannt wurde, mit einem stummen "Willen zum Unglück" überließen. Doch gelingt es ihr ganz hervorragend, in ihrem Roman noch einmal zu der innerlich zerrissenen, verliebten, magersüchtigen, ehrgeizigen jungen Frau zu werden, die sie war, als alles in ihr ins Wanken geriet und sie beschloss, ihr erstes Buch zu schreiben.

In ihrem wahnsinnigen Tempo, in dem sie an diesem Nachmittag in ihrem Rückzugsort vor den Toren von Paris redet, klingt dieser Schwindel nach, der sie vor 60 Jahren erfasste, als sie den ersten heftigen Auffahrunfall mit ihrem Zeitalter, mit ihrer Herkunft erlitt. An seinen Ursprung zurückzukehren war ihr lebenswichtig: "Solange das Buch nicht geschrieben war, blieb etwas nicht verstanden."

So ist es, seitdem Bücher geschrieben werden. Man kehrt an die Unfallorte zurück. Man versteht die Idiotie der Gegenwart immer erst nachträglich.

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens. Aus dem Französischen von Sonja Finck; Suhrkamp, Berlin 2018, 163 S., 20,– €