Die Einladung hat er noch selbst unterzeichnet, doch wenn sich die Studenten und Professoren an diesem Montag zur Semesteranfangsmesse treffen, wird Ansgar Wucherpfennig wohl nicht mehr ihr Rektor sein: Der Vatikan hat den angesehenen Leiter der katholischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt zum Rückzug gezwungen. Rom verweigert dem 53-Jährigen, dessen dritte Amtszeit nun beginnen sollte, bisher das "Nihil obstat", die Unbedenklichkeitserklärung. Der Vorwurf aus dem Vatikan: Wucherpfennig liege bei Fragen zur Homosexualität und zum Frauen-Diakonat nicht auf Linie der katholischen Lehre. Er ist Rom zu liberal. Ausgangspunkt ist ein zwei Jahre altes Zeitungsinterview. Der renommierte Neutestamentler hatte auf die Frage der "Frankfurter Neuen Presse", warum die katholische Kirche Homosexualität ablehne, geantwortet: "Mein Eindruck ist, dass das tief sitzende, zum Teil missverständlich formulierte Stellen in der Bibel sind. Beispielsweise bei Paulus im Römerbrief. Homosexuelle Beziehungen in der Antike waren starke Abhängigkeits- und Unterwürfigkeitsverhältnisse." Paulus habe eigentlich sagen wollen, "Liebe sollte eine egalitäre, freie Beziehung sein, keine mit Gefälle."

Ein angesehener Unirektor, der sich in Debatten über die katholische Sexualmoral einmischt, sie nicht beiseite drängt oder verschwurbelt, soll von der Amtskirche bestraft werden? Ein schlechteres Signal kann es in Zeiten des Missbrauchsskandals für die katholische Kirche in Deutschland kaum geben. Gerade erst haben die deutschen Bischöfe beteuert, nun offener über die Folgen des Zölibats, Sexualität und Homosexualität reden zu wollen.

Im Fall Wucherpfennig, glauben Kirchenexperten, sei es so gelaufen wie oft im Katholizismus: Jemand habe den Jesuiten wohl in Rom angeschwärzt. Doch Wucherpfennig, der in Frankfurt auch als Seelsorger speziell für Homosexuelle arbeitet, hat viele Fürsprecher, die sich jetzt laut wie selten zuvor über den Vatikan empören. So wird der Aufstand gegen Rom zu einem neuen Machtkampf der liberaleren Kirchenleute mit den konservativen Kräften. Die Bildungskongregation handle, "als hätte man nichts mitbekommen oder verstanden von der Diskussion über Machtmissbrauch", schimpfte Wucherpfennigs Vorgesetzter Johannes Siebner, Provinzial der deutschen Jesuiten. Siebner hofft zugleich, dass Rom noch einlenkt. "Das macht einmal mehr fassungslos: Wann hört ein solches autoritäres Gebaren in unserer Kirche endlich auf?", empörte sich auch der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer auf seiner Facebook-Seite. Die römische Maßregelung zeige, wie hoch der Reformbedarf in der Kirche sei. Auch der renommierte Kirchenrechtler Thomas Schüller rief zur Solidarität mit dem Kollegen auf. Es ist etwas in Bewegung geraten in der Kirche – Konflikte lassen sich kaum noch im Stillen klären.

In dem Gespräch, das nun Auslöser für die Weigerung aus Rom ist, spricht Wucherpfennig recht offen über persönliche Kämpfe mit dem Zölibat – "immer wenn ich mich mal verliebt hatte". Die Kirche müsse über eine freiwillige Form der Enthaltsamkeit nachdenken, fordert er. "Männergesellschaften, die sich durch den Zölibat in der katholischen Kirche etabliert haben", finde er "problematisch".

An anderer Stelle hat er sich auch für die Segnung von homosexuellen Paaren eingesetzt. Der Aufforderung aus Rom, seine Aussagen zu widerrufen, will er nicht nachkommen.

Auch seine Frankfurter Pfarrerkollegen schweigen nicht: Die Missbrauchsvorfälle hätten gezeigt, schreiben acht Priester in einem Solidaritätsbrief, "dass auch der pathologische Umgang der Kirche mit dem Thema (Homo-)Sexualität sexualisierte Gewalt begünstigt. Der Versuch, das offene Gespräch über Sexualfragen innerhalb der Kirche zu unterbinden, ist daher zum gegenwärtigen Zeitpunkt genau das falsche Signal." Im Fall Wucherpfennig geht es längst um viel mehr als einen renommierten Unijob.