Es einmal völlig anders als üblich zu machen: Das ist von jeher ein mächtiger Urantrieb schöpferischer Arbeit. Dennoch bleibt auch in der Literatur das Konventionensprengen oft ein Traum. In diesem Jahr hat sich die Jury des Deutschen Buchpreises jedoch dazu entschlossen, den Scheinwerfer auf einen Roman zu richten, der vieles anders macht: Die Auszeichnung ging am Montag an Inger-Maria Mahlke und ihren bei Rowohlt erschienenen Roman Archipel (ZEIT Nr. 38/18). Bereits vor drei Jahren stand die 41-jährige Autorin mit Wie ihr wollt auf der Shortlist, damals noch beim Berlin Verlag. Im zweiten Anlauf hat es geklappt, und sie ließ dabei hoch gehandelte Autorinnen und Autoren wie Maxim Biller, María Cecilia Barbetta, Nino Haratischwili und Stephan Thome hinter sich. Für Rowohlt ist es der erste Buchpreis seit sieben Jahren, als Eugen Ruge für In Zeiten des abnehmenden Lichts diese im Fokus der Lesenation wichtigste literarische Auszeichnung bekam.

Anders als üblich ist in Archipel die originelle Form. Denn Inger-Maria Mahlke erzählt ein Jahrhundert rückwärts, von 2015 bis 1919: das Leben mehrerer Generationen auf der Kanareninsel Teneriffa, also scheinbar vom europäischen Rand her, dennoch verwoben und verwickelt in die Jahrhunderttragödien, zwischen Alltagsglück, Horror und Gleichförmigkeit, Schuld und Scheitern, Franco-Diktatur und Globalisierung. Mahlke durchbricht die herrschende Logik des Familienromans mit seinen "Und dann brach der Krieg aus"-Kausalketten, stattdessen wird per kühler Tiefenbohrung im Rückwärtsgang Schicht um Schicht freigelegt, bis man am Ende 1919 der Zukunft zuprostet. Und oft hätte diese Zukunft ja anders werden können. Archipel: Das sind nicht nur die Kanareninseln, sondern auch die Parzellen, aus denen sich unsere Vergangenheit zusammensetzt, so wie unsere ebenfalls höchst fragmentierte Gegenwart sich darin spiegelt. Ein Vor-rückwärts-Roman also – aber Generaltendenzen über die deutschsprachige Literatur lassen sich aus dieser Preisvergabe nicht ableiten.

Bewegt dankte die Autorin im Frankfurter Römer Barbara Laugwitz, der Ex-Verlegerin des Rowohlt Verlags, sowie all jenen, die noch den "Unterschied zwischen Büchern und Joghurt" kennen. Denn Bücher ermöglichten anders als Joghurt existenzielle Erfahrungen, so Mahlke. Das ist 2018 zum Glück nicht anders als 1919.