Es gibt wichtige Leute in der CDU, die glauben: Wenn in der Führung ihrer Schwesterpartei – eigentlich ist es ja eher eine Brüderpartei – mehr Frauen das Sagen hätten, wäre das alles nie passiert. Der quälende öffentliche Streit mit der Kanzlerin, die (Selbst-)Demontage mindestens eines Parteichefs – und die böse Quittung, die nun droht. Die These lässt sich natürlich nicht belegen. Aber eins kann man, bezogen auf die CSU, festhalten: Hier kocht der Chef noch selbst – die Misere ist hausgemacht.

Bei der Wahl am Sonntag in Bayern droht den Christsozialen nicht nur der Verlust der absoluten Mehrheit, sondern ein ziemlicher Absturz. Wie tief er ausfällt, kann niemand genau vorhersagen, zu viele Wähler sind noch unentschlossen. Aber die Hoffnung auf ein kleines Wunder hat sich in der Union mehrheitlich verflüchtigt.

Was in Bayern passiert, beschäftigt die Politik in ganz Deutschland. Nicht weil es so bewegend ist, ob Horst Seehofer Parteichef bleibt oder Markus Söder sich demnächst nach einem Koalitionspartner oder sogar zweien umsehen muss. Bayern und Hessen, wo in zwei Wochen gewählt wird, sind auch die letzten beiden Länder, in denen die AfD noch nicht im Parlament sitzt. Wenn sie dort ankommt – und daran besteht kein Zweifel –, ist sie endgültig im Herzen dessen angekommen, was sie mit Abscheu "das System" nennt und zu dem auch immer die Volksparteien als Garanten einer stabilen Mitte gehörten. Hält die Mitte? Auch darum geht es in Bayern. Die Antwort darauf wird sehr davon abhängen, welche Schlüsse die CSU aus ihrem Wahlergebnis ziehen wird.

Jahrzehntelang stand die CSU für wirtschaftliche Dynamik plus Traditionsverbundenheit. Für wirtschaftliche Dynamik steht sie bis heute: 2,8 Prozent Wirtschaftswachstum, 2,8 Prozent Arbeitslosigkeit, Vollbeschäftigung in 52 von 96 Landkreisen. Doch den Anschluss an die gesellschaftliche Dynamik hat die Partei immer mehr verloren. Volkspartei, das heißt eben auch: nicht ideologisch, sondern offen sein. Die CSU-Spitze aber hat Volkspartei immer mehr so definiert: Wir sind die meisten, also haben wir am meisten recht. Einen Streit um die richtige Asylpolitik hat sie zu einem Kulturkampf werden lassen. Und die Tradition hat sie zur Folklore degradiert, indem sie Christentum, Werte und das Kreuz zum Instrument des Machterhalts gemacht hat.

Das "mia" in "Mia san mia" hat sich derweil verändert: Zum einen durch Zuzug, weil sich immer mehr Nichtbayern aus dem Aus-, aber auch aus dem Inland ins gelobte Land aufgemacht haben. Und weil sich immer mehr Menschen beim Betrachten von Politik fragen: Muss das eigentlich so sein? Und muss es so weitergehen?

Mindestens so interessant wie die aktuellen Verlustmeldungen für die Volksparteien ist der Blick darauf, wer deutschlandweit seit der Bundestagswahl verloren und wer gewonnen hat: Laut aktuellem Politbarometer haben die Volksparteien SPD und CDU/CSU jeweils rund zwei Prozentpunkte verloren. Verloren haben auch AfD und FDP. Gewonnen haben die Linke (2,8 Prozent), vor allem aber die Grünen, die seit Herbst 2017 bundesweit um fast 12 Prozentpunkte und in Bayern um rund 10 Prozentpunkte zulegten. Am meisten gewonnen hat also eine Partei, deren Spitze sich sichtbar erneuert hat und die mit der Ökologie ein Thema am Wickel hat, das für immer mehr Menschen eine große, immer öfter auch wahlentscheidende Rolle zu spielen scheint.

Im Bayerischen Landtag werden möglicherweise sechs statt bislang vier Parteien sitzen, wenn Linke und FDP den Sprung schaffen. Eine dieser Parteien wird die AfD sein. Aber auch Grüne und Freie Wähler werden gewachsen sein, um ziemlich genau so viel, wie die CSU verloren hat. Die Mitte wird also nicht zwangsläufig kleiner, sie diversifiziert sich. Mit mindestens einer dieser Parteien wird die CSU zusammenarbeiten müssen. Im Wahlkampf hatte Markus Söder die Ökos zum Hauptgegner erkoren. In dem Moment, in dem die CSU ihre Einmaligkeit zu verlieren droht, könnten es ausgerechnet die Grünen sein, die der CSU zur Erneuerung verhelfen, indem sie eine politische Kröte (aus Grünen-Sicht, versteht sich!) namens Söder über die Straße tragen. Ein interessantes Projekt wäre das – und eine hübsche Pointe.

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