Wie das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ist der Supreme Court Amerikas nicht nur die letzte Instanz, sondern auch ein weltlicher Olymp, wo die Götter nicht der miesen Politik, sondern der Wahrheit dienen. Bloß ging es in der Causa Kavanaugh nicht um Hehres und Heiliges, sondern um die Macht im Lande. Die Demokraten wollten um jeden Preis einen Trump-Kandidaten verhindern, der das Kräfteverhältnis dauerhaft nach rechts drücken könnte. Neu war das Drama nicht.

Schon John Adams, der zweite Präsident (1797–1801), installierte den Chefrichter John Marshall, der den verhassten Nachfolger Thomas Jefferson fertigmachen sollte. Franklin D. Roosevelt trieb es noch schlimmer. Weil die neun Roben wiederholt seine Sozialgesetzgebung kippten, wollte er 1937 sechs zusätzliche ernennen, die ihm eine verlässliche Mehrheit verschaffen sollten – vergebens.

Die Moral von dieser Geschicht ist simpel: Es gibt keine politikfreien Räume, schon gar nicht im höchsten Gericht, wo die quälendsten Fragen letztinstanzlich beantwortet werden. Abtreibung oder Schwulenehe – wer hier die Mehrheit hat, hat die Macht. Trotzdem wurden im Fall Kavanaugh Prinzipien hochgehalten, ohne die ein liberaler Staat nicht bestehen kann. Die Hauptrolle spielte die republikanische Senatorin Susan Collins, die den Ausschlag für die knappe Mehrheit zugunsten von Kavanaugh gab. Ihre Rede im Senat beeindruckte selbst die linksliberale New York Times so sehr, dass sie den gesamten Text abdruckte. Entscheidend war nicht ihr Einsatz für Kavanaugh, sondern ihr Plädoyer für den Rechtsstaat: "Wenn wir über den Verdacht des Fehlverhaltens entscheiden müssen, wird es uns langfristig nicht helfen, dass wir die Unschuldsvermutung und die Fairness preisgeben, so verlockend das auch sein mag." Denn "je höher die Leidenschaften lodern, desto gefährdeter die Fairness".

Anders ausgedrückt: Der Verdacht darf nicht zur Verurteilung geraten, die Anklage nicht zum Schuldspruch. Das ist der unveräußerliche Kern des liberalen Rechtsstaats. Wieso? Eine durch Empörung und Wut genährte Rechtsbeugung, die heute den designierten Schurken trifft, könnte morgen auf uns zurückschlagen, wenn wir selbst in den Mahlstrom der Bezichtigung geraten.

Hat Kavanaugh vor einem halben Menschenalter Christine Blasey Ford vergewaltigt? Es gebe kein "glaubhaftes Beweismaterial", notiert die Senatorin, und das oft wiederholte "Ich glaube ihr" reiche nicht, um einen Menschen zu verdammen.

Das war aber nicht das Ende ihres Plädoyers. Sie wolle keinesfalls die Geißel der sexuellen Belästigung kleinreden. "Wir haben dieses schreckliche Problem weit unterschätzt. Jeder Mensch, der sexuelle Gewalt anzeigt, muss gehört und respektvoll behandelt werden. Wir müssen den Opfern zuhören und tagtäglich das verbrecherische Tun stoppen, das so viele Menschen verletzt hat." Darüber gibt es keine Debatte.

Das Problem? Der Rechtsstaat spricht Recht; er schafft nicht immer Gerechtigkeit – schon gar nicht bei Sexualdelikten, wo ein Wort gegen das andere steht und Zeugen rar sind. Leider kommen Schuldige davon; dem Albtraum des Opfers folgt der Freispruch des Täters.

Das verletzt unser Gerechtigkeitsgefühl, aber was wäre die Alternative zu einem fairen Prozess und dem Prinzip: Unschuldig bis zum Gegenbeweis?