Es ist nicht so, dass aus Konkurrenten plötzlich Freunde wurden. Wenn die beiden Automobilhersteller Daimler und BMW demnächst ihre Carsharing-Dienste Car2go und DriveNow zusammenlegen, dann deshalb, weil sie sich vor noch mächtigeren Konkurrenten fürchten: Längst haben auch Technik-Unternehmen wie Google und Uber den Markt für kurzfristig buchbare Leihfahrzeuge im Visier.

Noch müssen die Kartellbehörden in mehreren Ländern zustimmen, und auch die Europäische Kommission in Brüssel prüft noch den Zusammenschluss. Doch die Chancen stehen gut, dass schon bald die mit Abstand größte Autoleihplattform der Welt entstehen wird. Die Firmen sind sich zumindest schon einig.

Car2go von Daimler und DriveNow von BMW kommen zusammen auf rund 20.000 Fahrzeuge und rund 4,4 Millionen Kunden weltweit. Das gemeinsame Unternehmen läge in Europa deutlich vorn und hätte in Deutschland praktisch ein Monopol im flexiblen, also nicht an Stationen gebundenen Carsharing. Letzteres scheint kaum jemanden zu stören.

Vielmehr überwiegt die Erleichterung, dass die deutschen Autobauer damit ein Gegengewicht zu den Fahrdienstvermittlern Uber, Lyft und Didi Chuxing oder zu Technologieriesen wie Google (Waymo) und Tencent schaffen. "Diese Big-Data-Player sind wie Angreifer aus einem anderen Universum, die mit ihren Lösungen auch nach Europa kommen wollen", sagt Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach.

Den Technik-Giganten aus den USA und China fehlt es nicht an Ehrgeiz und noch weniger an Geld. Sie lauern nur auf die nötigen Gesetzesänderungen, um auch in Deutschland Fuß zu fassen. Sie punkten nicht mit großen Fahrzeugflotten, sondern mit ihren Online-Plattformen und Algorithmen. Gerade die Technik entscheide, wer am Ende das Rennen mache, sagt Bratzel.

BMW und Daimler könnten mit ihren Angeboten erst ab einer bestimmten Größe wirtschaftlich und wettbewerbsfähig sein und den nötigen "Gegenpol" zu den künftigen Konkurrenten schaffen, so Bratzel. Dafür wollen die Automobilhersteller in dem geplanten Gemeinschaftsunternehmen neben ihren Fahrzeugflotten auch die dazugehörigen Apps und Dienste zusammenführen, von der Parkplatzsuche ParkNow über den Taxidienst Mytaxi bis zum Buchungsportal Moovel, das beispielsweise auch Bus- und Zugfahrten kooperierender Verkehrsverbünde anzeigt. "Intermodal" sollen diese Dienste sein, das heißt, sie sollen mehrere Verkehrsmittel miteinander vernetzen. Hinter alldem steht das Ziel, die urbane Mobilität zu gestalten. Soll heißen: derjenige zu sein, der sie anbietet und in den Städten den Takt vorgibt.

Während sich die Fahrzeughersteller also für den internationalen Wettbewerb rüsten, sieht es für viele kleinere Autoleihplattformen in Deutschland schlecht aus. Wer den Kunden die nötigen Technologien und Zusatzleistungen per App nicht mitliefern kann, gerät schnell ins Hintertreffen. Und nicht zuletzt ist der Platz in den Städten begrenzt – selbst wenn der Autoverkehr dort insgesamt zurückgehen sollte. "Noch ist der Markt in der Phase des Wachstums, aber irgendwann werden Städte Lizenzen vergeben müssen", sagt Bratzel. Er prognostiziert einen Verdrängungswettbewerb und eine Konsolidierung. "Am Ende werden zwei bis drei Anbieter in Deutschland übrig bleiben."

Laut Bundesverband CarSharing gibt es in Deutschland knapp 18.000 gemeinsam genutzte Fahrzeuge. 7.900 sind stationsunabhängig, allein 7.500 davon sind auf Car2go oder DriveNow zugelassen. Der größte Wettbewerber der beiden ist die Bahn-Tochter Flinkster mit 4.000 Fahrzeugen. Allerdings können die nur an festen Stationen angemietet werden. Flinkster hat in Deutschland 315.000 Kunden und damit deutlich weniger als DriveNow oder Car2go, die hierzulande auf rund 1,7 Millionen Nutzer kommen. "Die Bahn ist ein durchaus interessanter Wettbewerber, auch weil die Fahrzeuge an vielen Bahnhöfen stehen", sagt Bratzel. "Die vielen anderen kleineren Anbieter, die es noch gibt, werden sich in der Verdrängungsphase nicht durchsetzen."

Bessere Chancen räumt der Forscher den klassischen Konkurrenten von Daimler und BMW ein. VW hat angekündigt, im kommenden Jahr einen Carsharing-Dienst anbieten zu wollen. Der Autovermieter Sixt, bis zum Jahresanfang noch an DriveNow beteiligt, tüftelt derzeit im neuen Geschäftsbereich Sixt X an seiner Leihplattform. "VW und Sixt müssen nicht nur technisch aufholen, sondern auch die dazugehörigen Kompetenzen erlernen, die BMW und Daimler schon haben", konstatiert Bratzel. Er schließt aber nicht aus, dass da gerade neue und ernsthafte Konkurrenz heranwächst.

Das wäre ein Segen für die Kunden des flexiblen Carsharing. Sie hätten weiterhin die Wahl und wären dann nicht auf den Fast-Monopolisten angewiesen, der gerade entsteht.