"Natürlich ist das disruptiv", sagt Andreas Ritzenhoff, "wenn man aus der Komfortzone raustritt. Aber es muss jetzt einfach sein." Ritzenhoff, 61, hessischer Unternehmer und Christdemokrat, probt den Aufstand gegen Angela Merkel. Auf dem Parteitag im Dezember will er, den praktisch niemand kennt, die CDU-Vorsitzende aus dem Amt drängen. Und er ist nicht der Einzige. Zwei weitere Kandidaten, der Bonner Staatsrechtler Matthias Herdegen, 61, und der Berliner Jurastudent Jan-Philipp Knoop, 29 – auch Nobodys bei den Christdemokraten –, sind sich ebenfalls sicher: Merkel muss weg. Ich kann es besser.

Es drängt und gärt und brodelt in der CDU. Spätestens seit der erfolgreichen Kandidatur von Ralph Brinkhaus für den Fraktionsvorsitz ist der Korken aus der Flasche. Niemand kann sagen, was da noch so alles kommt.

Keiner der drei Kandidaten ist einfach nur ein Irrlicht. Der Staats- und Völkerrechtler Herdegen hat, zusammen mit dem verstorbenen Ex-Bundespräsidenten Roman Herzog und dem früheren Verteidigungsminister Rupert Scholz, den wichtigsten Grundgesetz-Kommentar herausgegeben. Ein Bekannter habe ihn mal einen "unzuverlässigen Konservativen" genannt, sagt er: in der Staatsauffassung eher klassisch, in der Wirtschaftspolitik eher ein Liberaler. Herdegen lässt eine gewisse Verachtung für "hermetische Parteizirkel" erkennen, will mehr direkte Demokratie und findet, Merkel schiebe, spätestens seit der Euro-Krise, ein "Erklärungsdefizit" vor sich her. Er spricht sehr laut und deutlich und hat sicher kein solches Defizit. Wie seine Mitbewerber auch findet Herdegen, Merkel habe in der Flüchtlingskrise die wichtigste staatliche Aufgabe vernachlässigt: "den Schutz des eigenen Territoriums". Er will auf der anderen Seite mehr humanitäre Interventionen. Die Politiker von der AfD nennt er "Hetzer und Dilettanten".

Die Biografie von Mitbewerber Ritzenhoff erzählt eine deutsche Mittelstandsgeschichte. Er hat mal in Antwerpen gelebt und in Santiago de Chile. Ritzenhoff ist eigentlich Arzt, hat aber die 1840 gegründete Metall-Firma seines Vaters übernommen. Zuletzt haben sie LED-Lampen entwickelt, die leichter und effizienter waren als alles Bisherige. 10 Millionen Stück im Jahr. Ikea meldete sich: Man wolle nicht in China kaufen, sondern was Nachhaltiges. Aber obwohl Ritzenhoff sein Unternehmen vollständig automatisiert hatte, alles Roboter machen ließ, war immer Preisdruck, Preisdruck, Preisdruck. Bis Ikea dann eben doch wieder bei den Chinesen kaufte. "Den freien Welthandel, von dem die Kanzlerin mit Xi Jinping spricht, den gibt es nicht." Die Abgesänge auf den Westen, die man derzeit überall lesen könne, müssten endlich Geschichte werden. Es sei doch absurd: Nur Trump habe es bisher geschafft, den Chinesen etwas entgegenzusetzen.

Jan-Philipp Knoops Lieblingsfilm ist Top Gun mit Tom Cruise, den hat er etwa 300-mal gesehen, sagt er. Das hat ihn angestachelt, Pilot zu werden, und fast hätte er es auch geschafft. Als Freiwilligem bei der Bundeswehr hat ihm das einen feinen Posten verschafft. Unter dem damaligen Verteidigungsminister Thomas de Maizière saß er an einer Schnittstelle für die Öffentlichkeitsarbeit zwischen Truppe und Amt. Mit eigenem Fahrer! In die CDU ist er 2014 eingetreten, wegen des Jurastudiums, das einen ja möglicherweise einmal in den Staatsdienst trägt. Da ist so ein Parteibuch dann "nice to have".

Die Mühen der Parteiebene wurden ihm allerdings schnell sauer. In seinem Berliner Ortsverband Kleistpark sind sie ihm zu alt und unzugänglich. Er habe sich an alle möglichen Instanzen mit "Impulsen" gewandt, etwa zur Digitalisierung, und nie eine Antwort bekommen. Zur AfD will er nicht: Man gehe ja nicht gleich von Bord, wenn es mal nicht so läuft. Er hat der Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer geschrieben, dass er gegen Merkel antreten möchte. Sie hat ihm erklärt, dass ihn dann aber ein Delegierter vorschlagen müsse oder eine parteiinterne Vereinigung. "Wo steht denn das?", habe er von ihr wissen wollen. Darauf habe sie bislang nicht geantwortet.

Die drei Gegenkandidaten ahnen vermutlich selbst, dass sie chancenlos sind. Im Adenauer-Haus sagt eine Sprecherin: "Wir sind entspannt."