Die Sozialdemokraten wollen den Kapitalismus überwinden, so steht es in ihrem Parteiprogramm. Aber wenn einer die Gesetze des politischen Marktes in der Schweiz beherrscht, dann ist es SP-Präsident Christian Levrat.

Es ist die erste Woche der Herbstsession, Mitte September, Christian Levrat, 48, hat gute Laune, seine Wangen leuchten rosig. Er trabt über die breite Treppe in der Eingangshalle des Bundeshauses und führt in ein Nebenzimmer des Ständeratssaales. Er bittet hinein, rückt zwei Stühle zurecht und öffnet die Fenster. Warme Luft strömt hinein. Levrat zieht sein Jackett aus, setzt sich, lehnt ein bisschen im Stuhl zurück und sagt: "Wir haben gerade die Legislaturbilanz dieser Typen gerettet."

Mit "diesen Typen" meint Levrat die bürgerliche Mehrheit im Nationalrat. Ihre Rettung ist aus seiner Sicht die Steuervorlage 17, die er sich zusammen mit einer Gruppe im Ständerat ausgedacht hat. Ihre Idee: Internationale Unternehmen sollen in der Schweiz in Zukunft stärker besteuert werden, erhalten aber gleichzeitig neue Privilegien, damit sie nicht ins Ausland abwandern. Als "sozialer Ausgleich" sollen dafür zwei Milliarden Franken in die AHV fließen.

Von einem "Kuhhandel" ist seither die Rede. Für Levrat ist der Kompromiss ein Erfolg. Nur, das Parlament stimmte zwar deutlich dafür, aber in der SP gibt es Widerstand. Auch wenn die Delegierten an einem Sonderparteiversammlung Ende September für den Deal stimmten, sind viele Linke nicht damit einverstanden, dass internationale Großkonzerne in der Schweiz weiterhin bevorzugt behandelt werden.

Die interne Auseinandersetzung beschäftigt die SP zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Kommt das Referendum gegen die Steuervorlage 17 zustande, wird die Bevölkerung voraussichtlich im kommenden Frühjahr darüber abstimmen. Und bereits ein halbes Jahr später, im Oktober 2019, sind eidgenössische Wahlen.

Die SP hat sich zwar in den vergangenen drei Jahren erfolgreich gegen die rechte Nationalratsmehrheit von FDP und SVP gewehrt (Lesen Sie dazu den Text auf Seite 13). Nun bräuchte die Partei jedoch dringend eigene Themen, mit denen sie die öffentliche Debatte bestimmen, mit denen sie Leute auf der Straße überzeugen kann. Denn: Levrat will wieder mehr als 20 Prozent Wähleranteil erreichen. Das ist sein Ziel.

Die Voraussetzungen für einen Wahlsieg im nächsten Herbst sind nicht schlecht. Levrat gilt als erfolgreicher Parteipräsident. Er hat das Amt vor zehn Jahren übernommen, von Hans-Jürg Fehr, nach einer beispiellosen Wahlniederlage. Neun Nationalratssitze hatten die Sozialdemokraten damals verloren und fast vier Prozentpunkte Wählerstimmen. Anstatt 23 im Herbst 2003 hatte die SP im Herbst 2007 noch 19 Prozent Wähleranteil.

Unter Levrat sind nicht mehr Wähler dazugekommen, aber er hat auch kaum welche verloren; während sozialdemokratische Parteien in ganz Europa mit drastischen Verlusten zu kämpfen hatten. Viele SP-Mitglieder sagen, Levrat genieße starken Rückhalt in der Partei, er sei klug und schnell, unter ihm sei die Partei jünger geworden, dynamischer. Die SP könne mobilisieren, mache moderne Kampagnen.

Gleichstellung, Recht auf Arbeit, Gesundheitskosten? Levrat testet Themen

Ein Samstagmittag, Parreiheim Neuenkirch, die SP Luzern nominiert ihren Regierungsratskandidaten. Und Parteipräsident Levrat testet mit einer Rede die Themen für den anstehenden nationalen Wahlkampf: Gleichstellung zwischen Mann und Frau, Gesundheitskosten, Bildung und das Recht auf Arbeit, Umwelt und der Klimawandel. Das Publikum applaudiert zuverlässig, aber Levrat ist nicht "totalement" zufrieden, schreibt er später per SMS.

Er sucht nach den richtigen Worten, den richtigen Themen, nach der richtigen Gewichtung. Wen will die SP womit ansprechen?