Wenn alles langsam zu seinem Ende kommt, wenn alle Plakate geklebt und alle Bierzeltbühnen bestiegen sind, die Dinge aber immer noch nicht besser laufen wollen, dann helfen nur noch höhere Mächte. Also stehen Ministerpräsident und Parteichef, die beiden Männer, die eigentlich kaum noch miteinander reden, an einem Mittwoch im Oktober Seit’ an Seit’ am Grab von Franz Josef Strauß. Dem Übervater, der vor 30 Jahren starb und dessen Vermächtnis heute zentnerschwer auf den Schultern seiner Erben liegt. Die Einheit von Land, Leuten und Partei, die scheinbar ewig gültige Hegemonie – mit Strauß begann die unheimliche Erfolgsgeschichte der CSU. Mit Markus Söder und Horst Seehofer könnte sie am Sonntag enden. Bei nur noch 33 Prozent liegt die Partei im aktuellen Bayerntrend.

Wenn man in diesen Tagen vor der Wahl durch den Freistaat reist, dann kann man sie überall erleben: die Ausschläge des Vorbebens.

Da gibt es den Parteistrategen, der mehr als sein halbes Leben lang für die CSU gerackert hat und nun beim Mittagessen freimütig zugibt, dass man eigentlich nur noch die Grünen wählen könne.

Es gibt den Abgeordneten, der in seiner Wahlkampfzentrale sitzt, umzingelt von Plakaten mit dem eigenen Gesicht, und mitten im Gespräch seinen Kreisvorsitzenden anheischt: "Nur 200 Anmeldungen für die Söder-Veranstaltung, das ist doch lächerlich! Ruf deine Leute an, mach mir die Halle voll."

Und es gibt den Minister, dessen Gedanken schon längst bei den Koalitionsverhandlungen sind. Koalitionsverhandlungen! Ein Begriff, für den es im CSU-Wortschatz eigentlich gar keinen Platz gibt.

Landtagswahl - CSU verliert weiter an Zustimmung Die CSU könnte laut Umfragen die absolute Mehrheit verlieren, auch der SPD droht ein Debakel. Zweitstärkste Kraft könnten die Grünen werden. © Foto: Sven Hoppe/dpa

Eine Partei macht sich bereit für die Erschütterung. Wie groß die Wahlniederlage sein wird, was sie alles durcheinanderwirbeln wird – keiner weiß es, aber alle bangen.

Am Freitag, neun Tage vor der Landtagswahl, sitzt ein sorgenvoller Edmund Stoiber in Trachtenjanker in seinem Büro in München. "Frankreich, Holland, Italien!", ruft er, und bei jedem Land saust seine Hand auf den Tisch, dass die Kaffeetassen klirren. "Die konservativen Parteien, die Volksparteien, überall sind sie fast weg!" Stoiber erzählt, wie er früher bei Europawahlen in Brüssel mit den Parteichefs zusammensaß. "Da gingen die Balken hoch. CSU 64 Prozent! Da haben sie alle gestaunt. Wir waren immer der Primus inter Pares."

Stoiber will nicht daran glauben

Und nun soll das alles zu Ende gehen? "Ach was!" Stoiber will nicht daran glauben. Noch sei ja nichts verloren, die Wähler seien unentschlossen und die Umfragen unpräzise. Das kleine Einmaleins der Autosuggestion, das jeder Wahlkämpfer kennt, beherrscht Stoiber noch immer, er wirbelt im Drehstuhl herum, die Hände fliegen durch die Luft. Aber irgendwann im Gespräch wird er still, nimmt die Brille ab, stützt die Ellbogen auf den Tisch und sagt: "Jede Generation hat ihre Herausforderungen. Und dieses Mal sind sie gewaltig."

Denn die einst kraftstrotzende CSU wirkte in den vergangenen Monaten seltsam richtungslos. Erst redete man wie die AfD, dann wollte man sie ignorieren, um sie schließlich doch zu attackieren. Je höher die Konkurrenz am rechten Rand in den Umfragen schoss, umso schneller kreiste die CSU um ihren neuen Gegner, bis sie selbst irgendwann ganz benommen war.

Nun haben sie noch einmal Plakate gedruckt, Strauß’ Gesicht ist darauf zu sehen, dazu der Satz: "Strauß würde die AfD bekämpfen". Entschlossen soll das klingen. Aber eigentlich klingt es verzweifelt. Und es kommt ein bisschen spät.

Da half es auch nicht, dass Markus Söder in den vergangenen Wochen wie aufgedreht durch Bayern hetzte. Rund 200 Großveranstaltungen, eine Viertelmillion Leute, so rechnete er es vorige Woche im Parteivorstand vor. In den letzten Tagen vor der Wahl steht er morgens an U-Bahn-Eingängen, mit Kaffee und Brezeln. Ein Ministerpräsident, der Frühstück verteilt. Das gab’s noch nie, sagen sie in der CSU.

Aber sie sagen auch: Da versucht jemand mit Kraft zu überdecken, was an Strategie fehlt.

Als eine Umfrage Söder vor einigen Wochen als unbeliebtesten Ministerpräsidenten der Republik zeigte, sei er tagelang ganz düster gewesen, erzählt einer, der ihn gut kennt. Er tut, was er kann, doch was er tut, scheint nicht genug zu sein. Das bürgerliche Lager zerfranst nun auch in Bayern. Die Wähler verschwinden leise zu den Grünen und laut zur AfD, und in der Mitte steht die CSU, die beinahe verrückt wird beim Versuch, den Laden irgendwie zusammenzuhalten.

Die absolute Mehrheit ist für die Partei zur unerreichbaren Größe geworden. Stattdessen ficht sie mitten im Wahlkampf bereits die Deutungsschlacht um die drohende Niederlage aus. Im Sommer schon begannen Söder-Freunde in den Medien eine simple Analyse zu streuen, der eine ebenso simple Konsequenz folgte: Seehofer ist schuld, und Seehofer muss weg. Die Probleme der CSU seien in Berlin entstanden, also müssten sie in Berlin gelöst werden. Und "gelöst" bedeutete in diesem Fall, dass die CSU nach der Wahl einen neuen Parteichef bekommt.

"Dann sollen sie mich halt abwählen!"

Allein: Horst Seehofer will nicht gehen. "Die können ja gerne versuchen, mich vom Hof zu jagen", sagte er vor einigen Tagen zu einem Vertrauten. "Ich wünsche viel Spaß dabei." Und weil der Plan der Söder-Leute auf der Annahme basiert, dass Seehofer unter dem öffentlichen Druck einknickt, wird es sehr schnell sehr kompliziert, wenn er es einfach nicht tut.

Das hat zum einen mit der Verfassung des Freistaats zu tun: Binnen vier Wochen nach der Wahl muss der Bayerische Landtag einen Ministerpräsidenten wählen. Bis dahin müssen also Gespräche geführt, Posten verteilt und muss ein Koalitionsvertrag ausgehandelt werden.

Wenn Seehofer nach der Wahl nicht zurücktritt, müsste die Partei wohl einen Sonderparteitag einberufen, um dort einen neuen Parteichef zu wählen. Die drei Bezirksverbände, die es brauchte, um einen solchen Parteitag zu beantragen, hätte man gewiss schnell zusammen. Die Folge aber wäre, dass die Partei in kürzester Frist nicht bloß über eine Koalition verhandeln müsste, sie wäre zudem gefangen in einem Machtkampf, von dem erfahrene Leute sagen, er werde "so schmutzig, dass das eigentlich keiner wollen kann".

Denn wenn man sich bei Horst Seehofer zuletzt auf eines verlassen konnte, dann war es seine Bockigkeit. Schon möglich, sagen manche, dass er auch auf einem Sonderparteitag einfach wieder antritt, ganz nach dem Motto: "Dann sollen sie mich halt abwählen!" Es brauchte dann also einen Herausforderer. Nach Lage der Dinge müsste das Markus Söder sein. Der soll intern allerdings angedeutet haben, dass er so unmittelbar nach der Wahl keine Ambitionen habe, seinen alten Rivalen selbst aus dem Amt zu drängen. Im Kampf gegen Seehofer wolle er sich die Finger nicht weiter schmutzig machen, heißt es. Und wäre es nicht auch etwas gewagt, nach dem historischen Machtverlust sofort die uneingeschränkte Macht für sich zu beanspruchen?

Der Anführer der CSU im Bundestag wiederum, Alexander Dobrindt, der sehr gerne Parteichef wäre, gilt selbst bei seinen Unterstützern in der Partei als "nicht vermittelbar". Und der liberale Europapolitiker Manfred Weber ist zwar in der Partei beliebt, will aber im kommenden Jahr Chef der EU-Kommission werden. Da wäre es ein bisschen viel verlangt, nebenbei auch noch die eigene Partei zu retten, zumal er weiß, dass sich das alte CSU-Ressentiment gegen "Brüssel" immer noch verlässlich aktivieren lässt.

Die Partei würde Markus Söder wohl folgen, heißt es. Aber dennoch erinnern sich gerade auffällig viele daran, dass es Söder war, der im Sommer dieses Jahres vom "Asyltourismus" sprach und der den Streit mit der CDU zum "Endspiel um die Glaubwürdigkeit" aufblies. Auch wenn er sich seit Wochen größte Mühe gibt, nur noch im landesväterlichen Bass zu sprechen: Unbescholten ist Söder nicht.

So mehren sich nun die Stimmen, die fordern, auf die Krise mit Beständigkeit zu reagieren. In seinem Büro verschränkt Edmund Stoiber die Arme vor der Brust. "Was wir nach der Wahl brauchen, ist Stabilität", sagt er. "Personalquerelen sind das Gegenteil davon." Auch Stoibers Nachfolger, der Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein, sagt: "Wir sollten Geschlossenheit zeigen. Ein Machtkampf nach der Landtagswahl würde uns allen schaden."

So schwer war es noch nie

Stabilität könnte also auch bedeuten, dass alles beim Alten bleibt, weil keiner weiß, wie es besser geht – und dass ein Parteichef sein Amt behält, dessen stärkstes Argument die Schwäche seiner Gegner ist.

Überhaupt wirkt diese ganze Debatte fast zwergenhaft, gemessen an der Wucht, mit der die CSU auf die neue Wirklichkeit prallen wird. Denn je ferner die absolute Mehrheit scheint, desto klarer richtet sich der Blick auf die Selbstwidersprüche der CSU: die Spannung zwischen der bundespolitischen Breitbeinigkeit und der Realität als Regionalpartei. Nur weil die CSU von sich behaupten konnte, das "schönste und beste" Bundesland "insgesamt" zu repräsentieren, gelang es ihr stets, mächtiger zu erscheinen, als sie eigentlich war, und lauter zu brüllen, als es ihr eigentlich zustand. Zur Not machen wir’s eben allein, stoppen den Länderfinanzausgleich, dann könnt ihr ja sehen, wo ihr bleibt, so konnte man es regelmäßig nicht nur aus den Bierzelten hören. Die CSU war immer die große Illusionskünstlerin der Politik. Und das Versprechen der Souveränität war ihr weißes Kaninchen im Zylinder.

Doch in den vergangenen Jahren wurde diese Illusion gleich doppelt erschüttert: durch die Flüchtlingskrise und durch die AfD. Das Problem mit der Migration war ja nicht, dass man den Zuzug nicht hätte bewältigen können. Im Gegenteil, das gelang den Bayern – wie so vieles – besonders gut. Das eigentliche Problem für die CSU lag darin, dass hier etwas geschah, das sich der eigenen Kontrolle gänzlich entzog. Auf einmal waren es höhere Mächte, denen man sich zu fügen hatte. Ereignisse, auf die man nur reagieren konnte.

In dem Maße, wie sich die AfD von der Flüchtlingskrise ernährte, ging der CSU ihre kostbarste Ressource verloren: die Unbeirrbarkeit. Von der Triebkraft wurde sie zur Getriebenen. Aus Aktion wurde Reaktion. Die Christsozialen riefen nun zwar in immer kürzeren Abständen den Ausnahmezustand aus, doch sie entschieden nicht mehr über ihn.

Mit aller Kraft hat Söder vor der Wahl versucht, den Souveränitätsmythos am Leben zu erhalten. Er schuf ein bayerisches Oberstes Landesgericht, ein bayerisches Bamf, eine bayerische Grenzpolizei. Noch einmal spielte er Bundesrepublik im Freistaat. "Wir haben die Kontrolle", so sollte die Botschaft lauten. Doch die Wähler scheinen es nicht mehr zu glauben. Die alten Sprüche wirkten fremd, und hinter der donnernden Rhetorik schien die Ratlosigkeit hervor.

Der Grat zwischen Selbstvertrauen und Selbstüberschätzung, zwischen Mut und Übermut war für die CSU immer schmal, und wollte man ihn bemessen, er verliefe irgendwo zwischen 30 und 40 Prozent. Sollte die CSU tatsächlich so deutlich verlieren, wie es die Umfragen prognostizieren, wird man ihr vermutlich schon am Wahlabend erklären, dass sie sich nun von Grund auf neu erfinden müsse. Gehört hat sie das schon oft, gelungen ist es ihr immer. Aber so schwer wie heute war es noch nie.

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