Stabilität könnte also auch bedeuten, dass alles beim Alten bleibt, weil keiner weiß, wie es besser geht – und dass ein Parteichef sein Amt behält, dessen stärkstes Argument die Schwäche seiner Gegner ist.

Überhaupt wirkt diese ganze Debatte fast zwergenhaft, gemessen an der Wucht, mit der die CSU auf die neue Wirklichkeit prallen wird. Denn je ferner die absolute Mehrheit scheint, desto klarer richtet sich der Blick auf die Selbstwidersprüche der CSU: die Spannung zwischen der bundespolitischen Breitbeinigkeit und der Realität als Regionalpartei. Nur weil die CSU von sich behaupten konnte, das "schönste und beste" Bundesland "insgesamt" zu repräsentieren, gelang es ihr stets, mächtiger zu erscheinen, als sie eigentlich war, und lauter zu brüllen, als es ihr eigentlich zustand. Zur Not machen wir’s eben allein, stoppen den Länderfinanzausgleich, dann könnt ihr ja sehen, wo ihr bleibt, so konnte man es regelmäßig nicht nur aus den Bierzelten hören. Die CSU war immer die große Illusionskünstlerin der Politik. Und das Versprechen der Souveränität war ihr weißes Kaninchen im Zylinder.

Doch in den vergangenen Jahren wurde diese Illusion gleich doppelt erschüttert: durch die Flüchtlingskrise und durch die AfD. Das Problem mit der Migration war ja nicht, dass man den Zuzug nicht hätte bewältigen können. Im Gegenteil, das gelang den Bayern – wie so vieles – besonders gut. Das eigentliche Problem für die CSU lag darin, dass hier etwas geschah, das sich der eigenen Kontrolle gänzlich entzog. Auf einmal waren es höhere Mächte, denen man sich zu fügen hatte. Ereignisse, auf die man nur reagieren konnte.

In dem Maße, wie sich die AfD von der Flüchtlingskrise ernährte, ging der CSU ihre kostbarste Ressource verloren: die Unbeirrbarkeit. Von der Triebkraft wurde sie zur Getriebenen. Aus Aktion wurde Reaktion. Die Christsozialen riefen nun zwar in immer kürzeren Abständen den Ausnahmezustand aus, doch sie entschieden nicht mehr über ihn.

Mit aller Kraft hat Söder vor der Wahl versucht, den Souveränitätsmythos am Leben zu erhalten. Er schuf ein bayerisches Oberstes Landesgericht, ein bayerisches Bamf, eine bayerische Grenzpolizei. Noch einmal spielte er Bundesrepublik im Freistaat. "Wir haben die Kontrolle", so sollte die Botschaft lauten. Doch die Wähler scheinen es nicht mehr zu glauben. Die alten Sprüche wirkten fremd, und hinter der donnernden Rhetorik schien die Ratlosigkeit hervor.

Der Grat zwischen Selbstvertrauen und Selbstüberschätzung, zwischen Mut und Übermut war für die CSU immer schmal, und wollte man ihn bemessen, er verliefe irgendwo zwischen 30 und 40 Prozent. Sollte die CSU tatsächlich so deutlich verlieren, wie es die Umfragen prognostizieren, wird man ihr vermutlich schon am Wahlabend erklären, dass sie sich nun von Grund auf neu erfinden müsse. Gehört hat sie das schon oft, gelungen ist es ihr immer. Aber so schwer wie heute war es noch nie.

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