"Gaddasdrrophaal", anders sei die Lage der CSU nicht zu nennen. Das ist Oberfränkisch für "so schlecht wie nie" und ein hartes Urteil, auch wenn es weich klingt, gefällt von einem älteren Herrn im Trachtenjackett. Er steht an der Saftbar des Bamberger Bistumshauses St. Otto, schenkt sich noch ein Glas Apfelschorle ein und betritt dann Seminarraum 1.64, um den brennenden Fragen auf den Grund zu gehen: Wie weit reicht die Nächstenliebe in Zeiten der Flüchtlingskrise? Wofür steht eigentlich das C? Und trägt die CSU diesen Buchstaben noch zu Recht im Namen?

Darüber ist in Bayern kurz vor der Landtagswahl ein Streit zwischen zwei Institutionen entbrannt, die einmal untrennbar verbunden schienen: Kirche und CSU driften in diesen Wochen so schnell auseinander, dass man es sehen und hören kann.

Von Generalsekretär Markus Blume war in der Lokalzeitung Fränkischer Tag zu lesen, es bereite ihm Sorge, "dass die CSU das Bekenntnis zur christlichen Prägung unseres Landes und seinen christlichen Werten oftmals offensiver" vertrete als die Kirche. Tatsächlich hat Ministerpräsident Markus Söder ja den Sommer über in allen öffentlichen Gebäuden des Landes Kreuze anbringen lassen, als wäre er nicht mehr nur Landes-, sondern nun auch Kirchenvater. Auch beim Parteitag im Münchner Postpalast Mitte September hängt eines an der Wand, es ist riesig und leuchtet blau. In seinem Lichtschein sieht Söder aus wie ein Gegenpapst, als er den Delegierten zuruft: "Ja zu Bayern heißt Ja zur CSU."

Es ist wohl kein Zufall, dass das Seminar in der Diözese Bamberg mit dem Titel "Die Bergpredigt: Poesie oder Pflicht?" am selben Tag stattfindet. Hier geht es an diesem Morgen um die Goldene Regel des Christentums: "Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch" (Matthäus 7, 12). Um das C also in seiner reinsten Form. Und darum, wem es zusteht.

Nur etwa zwanzig Teilnehmer haben den Weg ins Bistumshaus gefunden, doch so unscheinbar das Seminar wirkt, es kann als trotzige Gegenveranstaltung zum Münchner Parteitag verstanden werden. Die Bamberger wollen die Deutungshoheit darüber zurückerlangen, was es heißt, Christ zu sein. Und sei es, dass dadurch die Kluft zwischen Kirche und Partei noch tiefer wird.

In der Diözese hat sich seit einiger Zeit eine Hochburg der CSU-Kritiker gebildet. Auf Facebook schrieb der hiesige Domkapitular Peter Wünsche: "Ein Wahlkampf als Wettbewerb in Asylverhinderung, diskriminierende Worte wie ›Asyltourismus‹ und ›Asylwende‹, die mutwillige Demontage der Kanzlerin, eine Politik, die Überfremdungsängste auf- statt abbaut: Das geht nicht mit meinem Wertesystem zusammen." Und in einem offenen Brief an die Parteispitze heißt es: "Eine Politik ist unserer Meinung nach dann christlich und sozial, wenn sie (...) am Evangelium orientierte Werte nicht nur in Parteiprogrammen, sondern auch in konkreten tagespolitischen Entscheidungen zum Ausdruck bringt. (...) Wir appellieren an Sie: Es ist nicht zu spät, den aktuellen Kurs zu korrigieren." Der Brief trägt den Titel "Kennzeichen christlicher und sozialer Politik". Unterzeichnet haben ihn etwa 100 Gemeinden, Orden und kirchliche Einrichtungen aus ganz Bayern.

Vorbei ist die Zeit, da überall im Land Pfarrer und Prälaten den Kirchgängern mit aller Dringlichkeit die CSU empfahlen. Da die Institutionen durch das C verbunden waren wie durch eine Nabelschnur. Da, wer sich als Christenmensch empfand, einer Art Naturgesetz folgend auch christsozial wählte. Die Flüchtlingskrise hat diesen Automatismus erschüttert und zeigt nun das ganze Ausmaß der Entfremdung zwischen Kirche und Partei. Die bayerische Christenheit spaltet sich auf in Relativisten und Universalisten: Gilt die Bergpredigt nur für Einheimische? Oder auch für Menschen, die hier Zuflucht suchen?

Thomas Sternberg, der erste Referent des Bamberger Seminars, ist Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, damit selbst Machtmensch und weiß als solcher, dass die Bergpredigt ein mitunter schwer zu verwirklichendes Dogma ist. Schon Reichskanzler Otto von Bismarck sei der Auffassung gewesen, so Sternberg in seinem Vortrag, dass man mit ihr keine Politik machen könne. Und wie solle man sich etwa zum chinesischen Staatschef Xi Jinping verhalten, der vor Kurzem sagte: "Im Westen gibt es die Neigung, die rechte Wange hinzuhalten, wenn jemand auf die linke geschlagen hat. In unserer Kultur schlagen wir zurück." Müsse, wer sich an die Bergpredigt halte, fragt Sternberg, nicht zwangsläufig im globalen Wettkampf unterliegen?

Sternberg setzt gekonnt eine Pause, atmet tief ein, kommt dann mit Vehemenz zum Punkt: Die Bergpredigt müsse trotz allem "ein Stachel im Fleisch" der politisch Handelnden sein, eine beständige Erinnerung an die Grundwerte der christlichen Gemeinschaft. "Wir müssen uns um die Armen dieser Welt kümmern", ruft er. "Auch in einer säkularen Welt muss es Barmherzigkeit geben. Wir dürfen nicht verrohen." Die zwanzig Seminarteilnehmer nicken eifrig, einige machen sich Notizen.