Doch nach dem Vortrag, bei einer Tasse Kaffee, zeigt sich, dass es nicht ganz leicht ist, nach der Bergpredigt zu leben, selbst für eifrige Christen. Eine Dame im geblümten Kleid berichtet hörbar aufgewühlt, dass sie am Vortag auf der Straße einem alkoholisierten Mann begegnet sei, er habe orientierungslos gewirkt und sehr unangenehm gerochen. Er sei dann gestürzt, sie selbst habe alles mit angesehen, außerstande einzugreifen. "Niemand hat ihm geholfen", klagt die Frau. "Schrecklich ist das."

Ist die Bergpredigt also, wie schon der Titel des Seminars zu befürchten scheint, nichts als Poesie? Oder doch Pflicht, erst recht für politisch Handelnde, die das C für sich proklamieren? Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick, der zweite Referent, spannt einen großen Bogen von der frühchristlichen Gemeinde über die Magna Carta von 1215 bis hin zum deutschen Grundgesetz. Einem Herrn in der dritten Reihe droht der Kopf auf die Tischplatte zu sinken, doch dann wird der Metropolit laut und deutlich, das Bischofskreuz um seinen Hals schwingt heftig: "Ein Politiker, der sagt, er sei Christ, muss nach dem Geist der Bergpredigt handeln und leben." Für seinen Vortrag bekommt Schick warmen Applaus und ein Buchpräsent. Die Einladung zum Mittagessen muss er aus Termingründen ausschlagen. Im Refektorium des Bistumshauses gibt es Geschnetzeltes.

Auf der Fahrt über Land in Richtung Süden, von Oberfranken nach Oberbayern, sieht man allenthalben die pittoresken Zwiebeltürme stehen, doch wirken sie im Lichte des Herbstes 2018 wie Figuren eines alten Spiels, das zum Erliegen kommt: Die Kirche hat unter ähnlichem Mitgliederschwund zu leiden wie die CSU, 48.000 bayerische Katholiken sind allein letztes Jahr ausgetreten. Auf eine Studie über sexuellen Missbrauch in ihren Reihen reagiert die Kirche dieser Tage nur mit routiniert wirkender Reue. Sie befindet sich, das immerhin hat sie mit der CSU gemein, in einer schweren Krise. Doch statt zusammenzurücken, entfernen sich die beiden voneinander.

Ist denn aus den Kirchen Ingolstadts, der Heimatstadt Horst Seehofers, noch ein Ja zur CSU zu vernehmen? Immerhin, im Liebfrauenmünster wurde im Juli eine Aufführung des Komponisten Robert Maximilian Helmschrott abgesagt, weil dieser, den Münchner Schriftsteller Friedrich Ani zitierend, Seehofer einen "Unchristen" genannt hat. "Meine Musik wendet sich auch gegen die Skandalpolitik der CSU", sagte er dem Donaukurier. Dem Münsterpfarrer Bernhard Oswald gefiel das nicht. "Ich bin der Meinung, dass politische Agitation auf eine Demo oder ins Kabarett gehört, aber nicht in die Kirche", entgegnete er und lud Helmschrott wieder aus.

Es wäre interessant gewesen zu hören, was kurz vor der Landtagswahl in Ingolstadt von der Kanzel dringt. Doch der für den Samstagnachmittag angekündigte Gottesdienst entfällt. "Wegen der Ferien", sagt der Küster etwas müde, einen Karton Gebetskerzen unter dem Arm. Das muss erstaunen, denn die Ferien sind in Bayern bereits seit geraumer Zeit vorüber oder haben noch längst nicht begonnen. Wirkt hier etwa der Geist Horst Seehofers, der ebenfalls für plötzliches Abtauchen und beichtwürdige Ausreden bekannt ist? Oder doch nur der Zufall?

Statt der Glocken des Liebfrauenmünsters ist das vereinzelte Kreischen von Kindern zu vernehmen. Sie purzeln durch eine Hüpfburg, die ein ortsansässiger Autohersteller in der Fußgängerzone hat errichten lassen. Dazwischen eine Stille, die sich anhört, als hätte sich in dieser Stadt jeder mit jedem gestritten.

An der Ausfallstraße Richtung Autobahn kündigen Plakate ein "Schleppertreffen" an. Wollte die CSU den Schleppern nicht das Handwerk legen? Erst auf den zweiten Blick wird klar: Mit Schleppern sind Traktoren gemeint, ihre Besitzer versammeln sich hier zur alljährlichen Leistungsschau. Darüber hängen, wie Menetekel, Plakate der AfD: "Wir halten, was die CSU verspricht." Aus München, vom Parteitag, heißt es: "Seehofer dementiert Burn-out-Gerüchte."

Immerhin läuten am nächsten Morgen die Glocken der Pfarrkirche St. Andreas im Münchner Schlachthofviertel wie angekündigt zum Gottesdienst um zehn. Vertreter der ansässigen Deutschen Kapuzinerprovinz gehören zu den Unterzeichnern des offenen Briefs an die CSU. Was wird heute hier gepredigt?

Zum Auftakt singt die Gemeinde Lied Nummer 148: Komm her, freu dich mit uns, tritt ein. In seiner Predigt sagt Pater Cornelius: "Wer da ist für andere, wird Leben gewinnen. Was nützt es, wenn einer sagt, er habe Glauben, ihm fehlt aber der Wille?" Ist das schon eine politische Aussage? Eine Wahlempfehlung gar? Die Namen Söder und Seehofer fallen in der Kirche nicht, man hört sie trotzdem widerhallen.

Nach dem Gottesdienst trifft sich der Kirchenchor vor einer Bäckerei zum zweiten Frühstück. Sie habe gestern ein paar Spielsachen aussortiert und zum Flüchtlingsheim getragen, berichtet eine Dame der Runde, "für die Kinder do zum Spuin". Man müsse, sagt sie, auch mal an die Bedürftigen denken, in diesen Zeiten. Auch mal handeln, nicht immer nur reden, reden, reden.

Die Redaktion hat die in diesem Beitrag genannten Fakten im Februar 2019 überprüft und folgende Korrektur vorgenommen: Eine Detailbeschreibung der Pfarrkirche St. Andreas wurde korrigiert.

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