Der Kampf um Malta wird im Zentrum der Altstadt von Valetta geführt. Gegenüber dem Gerichtsgebäude, am Fuße eines Denkmals.

Am frühen Morgen der letzten Septembernacht rollt ein Auto mit zwei Männern durch die Dunkelheit der Stadt. Vor dem Denkmal, das an die Belagerung Maltas durch die Osmanen erinnert, stoppen sie den Wagen, der einen Schriftzug des Justizministeriums trägt. So dokumentiert es ein Video. Die Männer steigen aus, nehmen die Stufen zum Denkmal und entfernen eine Kerze und ein Foto. Das Foto zeigt eine Frau: die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia. Die Kerze brannte für sie.

Vor einem Jahr, am 16. Oktober 2017, wurde Caruana Galizia getötet. Die Journalistin war die prominenteste Kritikerin der maltesischen Regierung, dann wurde sie durch eine Autobombe umgebracht, nur wenige Hundert Meter von ihrem Wohnhaus entfernt. Bis heute ist der Mord an ihr nicht aufgeklärt. Drei Tatverdächtigen wird der Prozess gemacht, es sind auf der Insel bekannte Kriminelle, doch sie schweigen. Viele Menschen auf Malta vermuten, dass die Hintermänner der ungeheuerlichen Tat in der Regierung sitzen.

Im vergangenen Frühjahr enthüllten 45 Journalisten aus 15 Ländern, unter ihnen Reporter der ZEIT, im Rahmen des Daphne-Projekts neue Details über die maltesische Elite. Sie hatten die Recherchen der getöteten Kollegin aufgenommen und fortgeführt. Die Veröffentlichungen erschütterten Malta ein zweites Mal. Die Berichte handelten vom Korruptionsverdacht gegen die Regierung, von Offshore-Firmen des Stabschefs Keith Schembri und des Ministers Konrad Mizzi. Sie handelten von einem iranischen Banker, der auf Malta eine Bank eröffnen durfte und schließlich in den USA vom FBI wegen des Verdachts auf Geldwäsche festgenommen wurde. Sie handelten von Konten der Herrschaftsclique aus Aserbaidschan, die Malta als Einfallstor für ihre Deals in der Europäischen Union nutzt. Sie handelten vom Geschäft mit EU-Pässen und vom sozialdemokratischen Premierminister Joseph Muscat, der all das ermöglicht hatte und in Kauf nahm, dass Malta zum Rückzugsort für Kriminelle aus der ganzen Welt wurde.

Doch trotz der Enthüllungen hat sich kaum etwas an der Lage geändert: Muscat ist noch immer Regierungschef, Mizzi und Schembri blieben als Minister und Stabschef im Amt. Genauso wie ein weiterer Mann, über den Daphne Caruana Galizia vor ihrem Tod berichtet hatte: Wirtschaftsminister und Rechtsanwalt Chris Cardona.

Caruana Galizia hatte über Cardona geschrieben, er habe während eines Staatsbesuchs in Deutschland ein Bordell besucht. Daraufhin hatte der Minister die Journalistin wegen Verleumdung verklagt. Recherchen des Daphne-Projekts ergaben im Frühjahr, dass Cardona sich mit einem der mutmaßlichen Mörder der Journalistin, einem Mann namens Alfred Degiorgio, kurz vor der Tat in einer Bar getroffen und ausführlich unterhalten hatte. Cardona ließ damals erklären, er erinnere sich nicht an ein solches Treffen. Doch jüngste Recherchen lassen diese Aussage zweifelhaft erscheinen. Neue Indizien deuten darauf hin, dass der Minister und der mutmaßliche Mörder mehr als nur einmal aufeinandertrafen: Im Juni 2017 nahmen sie offenbar gemeinsam an einer Poolparty anlässlich eines Junggesellenabschiedes teil, so haben es jedenfalls mehrere Zeugen gegenüber dem zuständigen Ermittlungsrichter ausgesagt. Und es könnte noch eine weitere, zumindest indirekte Verbindung zu dem mutmaßlichen Mörder geben, wie bisher unveröffentlichte Auswertungen von Telefondaten zeigen.

Demnach rief sie etwa ein Jahr vor ihrem Tod einen Mann aus der maltesischen Unterwelt an. Sie recherchierte zu diesem Zeitpunkt offenbar zu Ölschmuggel und anderen Geschäften der Mafia. Der Mann soll zum Umfeld der Schmuggler gehört haben. Der Anruf dauerte sechs Minuten und 51 Sekunden. Was die beiden besprachen, ist nicht bekannt. Doch unmittelbar nach dem Gespräch telefonierte der Mann ein zweites Mal: Er rief die Nummer von Chris Cardona an, dem Wirtschaftsminister und Rechtsanwalt. Auch der Inhalt dieses Telefonats ist unbekannt. Und noch eine weitere Person rief der mutmaßliche Schmuggler später an: Alfred Degiorgio.