Im Sommer letzten Jahres konnte man Wahlkämpfer der Grünen treffen, die sich nicht sicher waren, ob die Partei wieder in den Bundestag einziehen würde. Das waren übertriebene Befürchtungen. Aber dass die Grünen in der Krise steckten, war damals unstrittig. Kaum ein Jahr später müssen sie sich anstrengen, die Euphorie zu bremsen.

Alle Umfragen sehen die Partei auf einem Allzeithoch. Bei den bayerischen Landtagswahlen kann sie auf einen spektakulären zweiten Platz hinter einer desolaten CSU hoffen. Nicht ausgeschlossen, dass die Grünen in Bayern sogar zum Regieren gebraucht werden.

Auch im Bund konkurriert die Partei derzeit um den zweiten Platz. Wie nach Winfried Kretschmanns Durchbruch 2011, als die Grünen in Baden-Württemberg erstmals eine Landesregierung anführten, ist auch jetzt die Rede von einer "grünen Volkspartei". Und man fragt sich: Ist das wieder nur einer der kurzen Höhenflüge, an die sich die Partei im Laufe ihrer Geschichte gewöhnt hat, oder sind die Grünen gerade dabei, ihre Rolle in einem sich radikal verändernden Parteiensystem neu zu definieren?

So merkwürdig es klingen mag, der Aufschwung der Ökopartei korrespondiert mit dem grassierenden Rechtspopulismus und den Verheerungen, die er in einem jahrzehntelang stabilen politischen System anrichtet. Die hohen zweistelligen Prognosen etwa, die den Grünen bei der Wahl im Freistaat zugetraut werden, sind ohne die Desorientierung der "Staatspartei" CSU nicht zu erklären, die sich in panischer Erwartung eines historischen Machtverfalls zeitweise mit AfD-Parolen zu retten versuchte. Erst im Kontrast zu einer völlig verunsicherten CSU gelang es den Grünen, sich als berechenbare, antipopulistische Kraft dem liberalen CSU-Milieu als Alternative zu empfehlen.

Auf Bundesebene profitieren die Grünen ebenfalls von diesem Mechanismus. Die neue rechte Herausforderung und der Streit um die Flüchtlingspolitik haben die Union tief verunsichert. Der Kampf um die Richtung der Nach-Merkel-CDU ist in vollem Gange. Selbst Teile von SPD und Linkspartei beginnen ihre emanzipatorischen, kosmopolitischen und ökologischen Impulse zu verleugnen, weil sie glauben, nur so ihre Kernklientel halten zu können. Und die FDP fährt seit der Flüchtlingskrise im Sommer 2015 einen Slalom zwischen ihrer liberalen Grundorientierung und der Anbiederung an die populistische Stimmungslage.

Wahrscheinlich gibt es in den etablierten Parteien noch immer eine Mehrheit für liberale, proeuropäische, antipopulistische Politik. Aber sie wird zugleich in allen Parteien attackiert. Die Einzigen, die keine Kämpfe dieser Art auszutragen haben, sind die Grünen. Selbst ein provokativer Einzelkämpfer wie der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer kann diesen Befund nicht trüben. Gegenüber den Verlockungen des Rechtspopulismus sind die Grünen immun. Sie sind heute auch die einzige bundesdeutsche Partei, in der die proeuropäische, flüchtlingsfreundliche, liberal-demokratische Haltung unumstritten ist. Darin sind sie konkurrenzlos. Das markiert ihren Erfolg.

Bei einer Partei, die sich traditionell gern auf der moralisch sicheren Seite wähnt, könnte die Aversion gegenüber allen neurechten Bestrebungen leicht ins Selbstgerecht-Triumphierende umschlagen. Doch die neuen grünen Führungsfiguren scheinen dafür nicht sonderlich anfällig. Parteichef Robert Habeck tritt zwar als sprühender Kritiker des Rechtspopulismus auf, bemüht sich aber auch, dem grünen Publikum einen modernen Heimatbegriff schmackhaft zu machen. Selbst gegenüber nationalen Identifikationsangeboten hat die neue Führung keine prinzipiellen Vorbehalte.

Auch im bayerischen Wahlkampf gelingt es den Grünen, sich als Antipoden der CSU zu präsentieren, ohne dass ihre Kritik in Feindschaft münden würde. Der bayerischen Spitzenkandidatin Katharina Schulze kommt die Ablehnung der Sicherheits- oder Flüchtlingspolitik der CSU so selbstverständlich über die Lippen wie die prinzipielle Kooperationsbereitschaft nach der Wahl. Nur illiberale, europafeindliche oder inhumane Politik sei mit den Grünen nicht zu machen.