DIE ZEIT: Herr Eggers, haben Sie sich als Kind schnell gefürchtet?

Dave Eggers: Ich hatte vor vielem Angst. Ich konnte zum Beispiel weder Der Zauberer von Oz gucken (die fliegenden Affen!) noch Charlie und die Schokoladenfabrik (der Tunnel!). Ich hielt mich grundsätzlich fern von allen alten Filmen, weil ich annahm, dass die Schauspieler darin tot waren.

ZEIT: Dafür haben Sie aber nun einen reichlich düsteren Kinderroman geschrieben. Sie erzählen darin von einer unterirdischen Macht, die sich von den Sorgen der Menschen nährt: Je größer das Leid, desto größer werden Hohlräume, bis die Erde einstürzt. Zu viel Trauer und Sorge, zu wenig Leichtigkeit und Freude: Ist das Ihr Eindruck von der Welt?

Eggers: Ich zähle mich eher zu den Optimisten, aber ich wollte, dass die beiden Helden, Gran und Catalina, sich des Kummers in ihrer Stadt bewusst werden und unmittelbar damit konfrontiert sind. Kinder verfügen über eine moralische Klarheit, die es braucht, um dunkle Zeiten zu überwinden. Das konnte man kürzlich in den USA wieder wunderbar beobachten, als Schüler erfrischend kraftvoll gegen den Irrsinn unserer Waffenkultur protestierten. Während die Erwachsenen sich mit zweideutigen Reden und Kompromissen aufhalten, bieten die Jungen Grund zur Hoffnung und sind kühne Anführer. Auf sie sollten wir schauen!

ZEIT: Und was sollten wir Kindern mitgeben?

Eggers: Am wichtigsten scheint mir derzeit, Kindern den Unterschied zwischen einer liberalen Demokratie und einer illiberalen Autokratie zu erklären. Die Trennlinie verschwimmt gerade auf gefährliche Weise.

ZEIT: Ihr Roman hat zwei Helden: den schüchternen Gran, der neu in die Stadt zieht und ein einsamer Außenseiter ist, und die selbstbewusste Catalina, die von Gran ziemlich genervt ist, weil er sie bei einer wichtigen geheimen Aufgabe stört. Ist Ihnen einer der Charaktere ähnlich, oder gibt es andere Vorbilder für die beiden?

Eggers: Ich habe mit keiner Figur des Romans wirklich viel gemein. Ich bin als Kind nie umgezogen, und zumindest in dem Alter war mir das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, noch nicht vertraut. Catalina hingegen ist eine Mischung aus einigen grimmigen jungen Damen, die ich früher kannte. Die wussten immer genau, was zu tun ist, und hätten in Gran auch vor allem einen Störfaktor gesehen.

ZEIT: Sie haben vor einigen Jahren in San Francisco eine Schreibschule für Kinder und Jugendliche gegründet, 826 Valencia. Inzwischen gibt es Ableger quer durch die USA. Haben die jungen Schreiber Ihnen Feedback zu Ihrem Roman gegeben?

Eggers: Erst kürzlich haben wir ein neues Projekt gestartet, in dem wir Bücher im Entstehungsprozess an die jungen Leute geben und um ihre Anmerkungen bitten. Meinen Roman habe ich an ein paar Kinder in Detroit geschickt. Die haben angemerkt, was ihnen gefallen hat und wo für sie Fragen entstanden sind. Diese Notizen waren von unschätzbarem Wert. Gerade weitet sich das Projekt aus, Dutzende Autoren beteiligen sich und zeigen ihre Texte jungen Lesern, die mit ihren Rotstiften bereitstehen. Hier werden Kinder und ihre Meinungen wirklich ernst genommen. Zum Glück sind sie keine brutalen Lektoren.