Wollte man irgendwo einen Flughafen eröffnen, man käme eigentlich nicht auf die Idee, das ausgerechnet in dem Örtchen Laage zu machen, 30 Kilometer von Rostock entfernt, mitten in Mecklenburg-Vorpommern. Wer soll denn hierhin fliegen? Das denkt man, wenn man das leere Terminal sieht, die beigen Ledergarnituren im Wartebereich, auf denen kein Mensch sitzt. Wenn man die Stille kaum erträgt, die man regelrecht hören kann.

Aber dann marschiert plötzlich eine müde Armada aus Hunderten Spaniern in Laage ein, so wie jeden Freitag. Bus für Bus für Bus parkt mit einem Mal vor dem Flughafen, und drinnen, im Terminal, drängt sich binnen Minuten Mensch an Mensch, steht Koffer an Koffer, immer wieder öffnet sich die Glastür, und aus der einsamen Halle wird ein Saal des Gewimmels.

Alles brechend voll jetzt.

Und Dörthe Hausmann steht da mit einem Blick, der so viel bedeuten dürfte wie: Da staunen Sie, oder? Hausmann ist die Flughafenchefin von Rostock-Laage; eine Frau im eleganten Sommerkleid, mit Kurzhaarschnitt und freundlichem Lachen. Fragt man sie, was plötzlich all die Spanier hier machen, sagt sie: "Die kommen von der Kreuzfahrt."

Damit hat sie ihr Erfolgsrezept, in einem Satz, im Grunde auch schon erklärt.

Der Flughafen Rostock-Laage hat eine kuriose Überlebensstrategie entwickelt. Der Airport, einst chronisch vom Ruin bedroht, macht inzwischen recht gute Geschäfte. Weil er der vielleicht skurrilste Flughafen der Republik geworden ist – einer, der von Menschen lebt, die eigentlich mit dem Schiff reisen wollen. Kreuzfahrt-Touristen, vor allem aus Südwesteuropa, werden von ihren Reedereien nach Laage geflogen, dann zum Hafen Rostock-Warnemünde gebracht, von da aus gehen sie auf Tour: Stockholm, Helsinki, Tallinn, St. Petersburg. Routen auf Ost- und Nordsee. Elf Schiffe legen in der Hochsaison pro Woche in Warnemünde an. Drei davon werden über den Flughafen befüllt: ein Schiff pro Tag am Freitag, Samstag und Sonntag. Insgesamt wickelt der Flughafen, an Wochenendtagen, 8000 Kreuzfahrt-Gäste ab.

Dörthe Hausmann, Chefin des Flughafens Rostock-Laage © Mareike Timm für DIE ZEIT

Deshalb arbeitet Rostock-Laage nun jedes Wochenende an der Belastungsgrenze: ein Heidenstress. 90.700 Kreuzfahrt-Touristen sind voriges Jahr in Laage gestartet und gelandet. Die Flugzeuge sind in der Hochsaison ziemlich präzise getaktet. "Schwierig wird es", sagt Dörthe Hausmann, "wenn die Passagiere der ersten Busse noch nicht im Flieger sitzen, während schon die nächsten Busse vom Hafen für den nächsten Abflug ankommen." Dann würde es im Terminal nämlich eng. Und was tut sie dann? "Wir rufen die Busfahrer an", sagt Dörthe Hausmann, "damit sie mit den Gästen zeitversetzt am Hafen abfahren oder eine Sightseeing-Strecke einbauen. Sodass die Reisenden erst am Flughafen ankommen, wenn im Terminal wieder Platz ist." 200 Mitarbeiter hat Rostock-Laage, zu den Spitzenzeiten müssen alle mit anpacken: bei der Gepäckabfertigung, bei den Sicherheitskontrollen, im Verkauf. Eigens für den Saisonbetrieb hat Hausmann fremdsprachige Hostessen eingestellt, denn Spanisch, Italienisch oder Französisch sprechen die wenigsten ihrer Leute. Aber aus Spanien, Italien, Frankreich kommen die meisten der Laager Gäste.

Das Konzept entstand, vor etwa fünf Jahren, aus der puren Not. Der Flughafen war so gut wie pleite. Man kennt diese Geschichten von vielen deutschen Provinzflughäfen. Doch nach Laage kam ein findiger Chef, der Vorgänger von Dörthe Hausmann: Ausgerechnet ein Manager, der zuvor beim Berliner BER gearbeitet hatte, fing an, die Reedereien anzuwerben. Ihnen schmackhaft zu machen, dass das doch eine gute Idee wäre: wenn sie in Rostock in See stechen, die Passagiere nicht aufwendig aus Hamburg oder Berlin heranzukarren, sondern sie gleich vor Ort landen zu lassen. Binnen zwei Jahren stiegen die Passagierzahlen um 50 Prozent.