Frage: Herr Pyka, Sie sind Mitte dreißig, ein junger Pfarrer, und betreuen eine relativ alte Gemeinde. Wie geht das?

Holger Pyka: Zwischen mir und ihr liegt eine Puffergeneration, da bildet sich eine Art Enkeleffekt heraus. Das hilft mir. Ich bin sehr dankbar für das, was ich von den Senioren gelernt habe und immer noch lerne.

Frage: Und das wäre?

Pyka: Gelassenheit zu üben. Die besitze ich nämlich noch nicht. Ich bewundere, wenn mir eine alte Dame sagt: "Was heute an Schrecklichem geschieht, haben wir fast alles erlebt. Unsere Rente ist sicher. Eigentlich sind wir die Richtigen, um etwas Neues auszuprobieren."

Frage: Und dazu gehört, dass sich in Ihrer Gemeinde betagte Damen und Herren für eine Fotoausstellung ihrer Kleidung entledigen, um sich nackt vor der Kamera zu inszenieren? Wie kam es dazu?

Pyka: Ich habe vor drei Jahren bei einer Hanauer Kollegin Ausstellungsfotos mit Körperdetails alter Menschen gesehen. Diese Bilder haben mich so bewegt, dass ich begann, über das Alter und seine eigene Ästhetik ganz neu nachzudenken. So ein Projekt, dachte ich mir, wäre auch für unsere Gemeinde etwas. Ich ging damit zur Leiterin unseres Seniorentreffs. Anette Horn kannte die geeignete Fotografin, die die Vertrauensbasis für so ein heikles Projekt mit vielen Gesprächen und noch mehr Zuhören schuf. Ich sorgte für den theologischen Rahmen.

Frage: Wie sieht denn da der theologische Rahmen aus? Etwa: "Das letzte Hemd hat keine Taschen", der Mensch verlässt die Welt genauso nackt, wie er geboren wurde?

Pyka: Darum ging es nicht. Das Lebensende hatten die Senioren nicht im Blick. Sondern das genaue Gegenteil: Wie schön das Leben noch sein kann. Über der Idee stand der Psalm 36. Erlauben Sie, dass ich ihn zitiere.

Frage: Bitte, gerne.

Pyka: "Herr, ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin. Wunderbar sind deine Werke. Das erkennt meine Seele." Die Frage war nun: Gilt dieses "wunderbar gemacht" nur, wenn wir einer ästhetischen Norm entsprechen?

Frage: Eine Kampagne also gegen den Jugendwahn mit seiner glatten Bildsprache?

Pyka: Pika: Auch, aber längst nicht nur. Der Bibelvers: "Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war gut", bezieht doch gerade die Körper mit Lebensspuren ein. Du bist schön, ohne dass du etwas verstecken musst. Gott nimmt dich so an, wie du bist. Das ist Seelsorge, wenn Menschen die Chance bekommen, mit anderen Augen auf sich selbst zu schauen.

Frage: Oft haben doch die Alten diese diskriminierenden Zuschreibungen selbst verinnerlicht.

Pyka: Diese Frage hat die Fotografin Andrea Rompa ganz sensibel aufgegriffen. Sie fragte die Senioren: Was gefällt Ihnen an sich, was nicht? Darf ich genau das fotografieren, was Ihnen nicht gefällt? Bereits da wurde den Mitwirkenden der Unterschied zwischen der eigenen und der fremden Wahrnehmung deutlich, und sie empfanden das als eine enorme Entdeckung.

Herr Pastor, stellen Sie sich vor: Ich bin richtig schön!

Frage: 16 Menschen ließen sich ablichten. Zwei Ehepaare, zwei alleinstehende Männer und zehn Single-Frauen. Gab es Geschlechtsunterschiede im Verhältnis zum Projekt?

Pyka: Die Männer hatten den Denkansatz: "Wir zeigen jetzt mal, dass man so etwas machen kann." Bei den Frauen gab es eher den Impuls: "Ich mache das für mich." Auch im Zeigen von Verletzlichkeit gab es Unterschiede. Eine Frau wollte unbedingt ihren Rollator mit im Bild haben. Sie hat ihn sich einverleibt wie eine zusätzliche Gliedmaße, die nun zu ihrem Alltag gehört und sie stützt und mobil erhält.

Frage: Inwieweit durften sich die Protagonisten selbst inszenieren?

Pyka: Natürlich konnten sie alles selbst bestimmen. Einige brachten Dinge mit, die in ihrem Leben wichtig waren: Eine Seniorin zog eine Gärtnerschürze an, wollte unbedingt mit Blumen auf dem Bild abgebildet werden. Wir stellten auch Accessoires bereit.

Frage: Keuschheit und Scham sind aber doch auch protestantische, puritanische Tugenden. Verletzten Sie da nicht eine Grenze?

Pyka: Die evangelische Prüderie, nach der ein nackter Körper grundsätzlich "bäh" ist, das ist Geschichte, die unsere Senioren allenfalls noch von ihren Eltern kannten, also aus der ersten Jahrhunderthälfte. Die große Hemmschwelle war nicht, ob der liebe Gott das gut findet. Sondern sie lag in der Frage: Kann ich meinen Körper, den ich selber nur so schwer ertragen kann, anderen Menschen vorzeigen?