Kühne Geste: Tommie Smith (Mitte) und John Carlos (rechts) auf dem Siegerpodest in Mexiko, links der Australier Peter Norman © AP Photo/dpa

Als über dem Olympiastadion in Mexiko-Stadt die Sonne untergeht und die Athleten sich für den 200-Meter-Lauf bereit machen, stellt sich Tommie Smith vor, wie ein Rassist ihn auf dem Siegerpodest erschießt. Das hier ist das wichtigste Rennen seines Lebens. Seine Konkurrenten dehnen sich neben ihm. Smith, Afroamerikaner, 1,91 Meter groß, steht nur da, betet still und weint ein bisschen.

Es ist der vierte Tag der Olympischen Spiele, der 16. Oktober 1968. Martin Luther King ist seit sechs Monaten tot, ermordet von einem weißen Gewehrschützen. Die mexikanische Regierung unterdrückt jede Kritik rund um die Spiele brutal. Seitdem er sich in einer Gruppe namens Olympic Project for Human Rights engagiert, erhält Tommie Smith Morddrohungen.

Trotzdem will er heute Abend ein Zeichen setzen. Es wird nur eine Geste sein, doch sie wird seine Sportkarriere so gut wie beenden und sein Leben auf den Kopf stellen. Er will auf dem Siegertreppchen den "Black Power"-Gruß zeigen – eine erhobene Faust, das Zeichen der radikalen schwarzen Bürgerrechtsaktivisten. Dafür muss er gewinnen.

Smith hockt sich vor Startblock Nummer 3. Neben ihm an Startblock 4: John Carlos, ein Mann mit Backenbart, ebenfalls Afroamerikaner, aus Harlem, New York. Auch er will siegen und protestieren. Er ist Smiths Kommilitone, sein Partner im Menschenrechtsprojekt – und in diesem Augenblick sein größter Rivale. Smith lauscht angespannt. Dann knallt der Startschuss.

Was Tommie Smith und John Carlos wenig später tun, wird millionenfach in Zeitungen und Magazinen, auf Postkarten und Poster, T-Shirts und Tassen gedruckt werden. Es wird ungezählten Menschen Mut machen. Und es wird die beiden Athleten für immer verbinden.

Dabei sind sie nicht eben beste Freunde. Sie streiten sich oft. Smith ist zurückhaltend, Carlos ein Draufgänger. Smith verehrt Martin Luther King, Carlos den radikaleren Malcolm X, der drei Jahre zuvor ermordet worden ist. Gemeinsam wollen sie als verlogen entlarven, was die mexikanische Regierung und das Internationale Olympische Komitee (IOC) verbreiten: dass es im Rebellionsjahr 1968 unpolitische Spiele geben könne.

Tommie Smith, 24 Jahre alt, hält damals bereits elf Weltrekorde, aber hat nicht genug Geld, um sich in der College-Cafeteria ein Sandwich zu kaufen. Schwarze Athleten werden miserabel bezahlt. An ihren Colleges hält man sie häufig für dumm. Sie sollen Medaillen holen für ihr Land. Was sie zu sagen haben, interessiert nicht. Also nutzen Smith und Carlos das, wofür sie seit ihrer Jugend Aufmerksamkeit bekommen: ihre Körper.

In Acworth, einem Nest im Nordosten von Texas, wo Tommie Smith mit elf Geschwistern aufwächst, herrscht Apartheid. Die Eltern sind Pachtbauern. Zwölf Stunden täglich zupfen sie Baumwolle. Weiße sieht Tommie nur, wenn die Farmbesitzer vorbeikommen. Sein Vater spricht draußen mit ihnen; den Kopf gesenkt, sagt er "Yes, Sir" und "No, Sir". Wenn er zurückkommt, lehnt er sich im Stuhl zurück und schließt die Augen, minutenlang. So schildert es Smith 2007 in seiner Autobiografie Silent Gesture.

Als das Oberste Gericht 1954 die Rassentrennung an öffentlichen Schulen für unzulässig erklärt, ist Tommie zehn Jahre alt. Stumm sitzt er in seiner gemischten Klasse. Er spricht den Slang der armen Schwarzen, sagt "y’all" und "gonna". Die Lehrerin mag das nicht. Doch Tommie kann rennen. Als er zum ersten Mal gegen die beste Sprinterin der Schule gewinnt, seine Schwester Sally, klatschen die Kinder, auch die weißen.

Ein Lehrer fördert ihn. Bald läuft er samstags für das Schulteam. Sein Vater ist stolz. Aber er sagt: "Wenn du nur Zweiter wirst, musst du nächsten Samstag zurück aufs Feld." Von diesem Tag an rennt Tommie vor dem Baumwollfeld davon.

1962 schafft er es mit einem Sportstipendium auf das State College in San José nahe San Francisco. Er erhält nur 95 Dollar im Monat, aber ein Spitzencoach bringt ihm jetzt Lauftechniken bei. Den Rest der Zeit studiert er Sozialwissenschaften.