DIE ZEIT: Ihr seid beide in Italien groß geworden. Wurden die Jungen dort bevorzugt?

Francesca Cavallo: Wir sind sehr verschieden aufgewachsen, ich im Süden, Elena im Norden.

Elena Favilli: Aber klar, die Jungs waren besser dran. Beim Essen wurden sie von den Frauen bedient. Wenn sie schlechte Laune hatten, durften sie ihren Frust rauslassen. Wir Mädchen sollten Rücksicht nehmen und immer brav und ruhig sein. Das habe ich überall erlebt, zu Hause, in der Schule, bei Freunden. Aber als Kind kam mir das nicht sonderlich seltsam oder ungerecht vor.

Francesca: Wenn man mit etwas aufwächst, ist es für einen ja erst einmal normal, wie es ist.

ZEIT: Inzwischen sagt ihr, dass Frauen benachteiligt sind. Wann ist euch das klar geworden?

Elena: Nach dem Studium, als wir anfingen zu arbeiten. Die Frauen waren oft in der Unterzahl, und sie hatten die schlechteren Jobs. Später arbeiteten Francesca und ich im Silicon Valley in den USA. Dort sind Firmen wie Apple und Facebook. Es ist ein Ort, wo viele junge Leute an neuen Ideen rumdenken. Ausgerechnet dort wurde uns gesagt, dass Frauen allein keine Firma leiten könnten. Damals dachte ich, wir müssen was für die Rechte der Frauen tun. Das war der Ursprung unserer Bücher.

ZEIT: Ihr habt gesagt, als Mädchen sei euch die Ungerechtigkeit nicht aufgefallen. Warum habt ihr dann ein Kinderbuch geschrieben?

Francesca: Weil wir die Welt verändern wollen! Alle kennen Geschichten über starke Männer, tolle Erfinder, große Entdecker. Wenn die Helden immer Jungs sind, trauen die Mädchen sich weniger zu.

Elena: Es ist auch total unfair: Geschichten sind so wichtig für uns. Warum dürfen dann immer nur die Jungs die Helden sein?

Francesca: Deshalb erzählen wir zur Abwechslung mal nur von starken und mutigen und außergewöhnlichen Frauen. Wir glauben, dass die Welt für Kinder dadurch größer wird und dass sie anders in die Zukunft schauen.

ZEIT: Und die Frauen sollen alle Vorbilder sein?

Elena: Nein, wir wollten auch welche vorstellen, die etwas versucht haben und gescheitert sind. Oder die etwas Großes erreicht haben, aber nicht besonders freundlich waren. Mädchen sollen verstehen, dass sie nicht immer nett und perfekt sein müssen.

ZEIT: Euer Buch heißt Good Night Stories for Rebel Girls, "Gute-Nacht-Geschichten für rebellische Mädchen". Ihr habt 100 Frauen ausgewählt, die wirklich gelebt haben, erzählt deren Leben aber wie ein Märchen. Warum das?

Francesca: Weil Märchen mächtig sind und wir wollen, dass unsere Bücher auch mächtig werden. Außerdem geht es in Märchen um Dinge, die uns wichtig sind – mutig sein, gütig sein, klug sein. Und sie sind oft ein Teil des Alltags, abends im Bett wird noch eine Geschichte gelesen.

Elena: Es ist vor allem die Art, wie wir die Geschichten erzählen. Wir wollten kein Lexikon über Frauenrechtlerinnen für Kinder schreiben. Stattdessen: "Es war einmal ..." – und dann kommt eine spannende Geschichte. Das ist wie ein Trick, damit das Lesen mehr Spaß macht. Der funktioniert für die Kinder total gut. Viele beginnen sogar, im Internet mehr Informationen über diese Frauen zu suchen.

ZEIT: Das ging mir auch so. Ich habe mir Videos von Sky Brown angesehen, dem japanischen Mädchen, das mit Profis skatet.

Elena: Die haben wir neulich getroffen. Sie war zu Besuch hier in L.A., und wir haben sie skaten sehen.