Eineinhalb Jahre vor einer Wahl kann es keine vernünftigen Prognosen geben, nur Spekulationen. Warum sie interessant sein können? Weil sich die Kräfteverhältnisse in der Politik nicht erst im Augenblick einer Abstimmung ändern, sondern schon dann, wenn ein Ergebnis denkbar, ja plausibel wird, das eben noch absurd erschien.

Wer hätte noch vor einem Jahr für möglich gehalten, dass die Grünen, denen die SPD in dieser rot-grünen Regierungskoalition gerade einmal einen kleinen Anbau am großen sozialdemokratischen Haus der Hansestadt zugestehen wollte, bei der nächsten Wahl als die Architekten der Hamburger Zukunft dastehen? Während für die Sozialdemokraten, die stolzen Gestalter der wachsenden und gedeihenden Stadt, womöglich nur die undankbare Rolle der Wohnungsverwaltung übrig bleibt, bei der sich alle beschweren, wenn wieder mal die Heizung ausfällt oder die Nebenkosten steigen.

Genau so könnte es kommen. Warum? Weil den Grünen überraschend vieles gelingt, das geeignet ist, Wähler zu beeindrucken. Und weil die Sozialdemokraten von ihren eigenen Erfolgen möglicherweise weniger profitieren werden als in der Vergangenheit. Beides zusammen erklärt auch, warum die rot-grüne Landesregierung nun im Streit um die Fernwärme in ihre erste ernsthafte Krise geraten ist – und auch diese Krise werden die Grünen wahrscheinlich besser überstehen als die SPD.

Was den Sozialdemokraten droht, ist gerade in Bayern und Hessen zu besichtigen. Dort haben die Meinungsforscher eine erstaunliche Beobachtung gemacht. Es geht den Ländern gut, die Unternehmen wachsen und investieren, die Arbeitslosigkeit ist gering, und den Regierungsparteien CSU und CDU wird dementsprechend eine hohe Wirtschaftskompetenz attestiert – nur kommt es darauf aus Sicht der Wähler nicht mehr an. Gerade weil es beiden Ländern schon so lange gut geht, ist die Fähigkeit, Wirtschaftsprobleme zu lösen, so ziemlich das Letzte, was Bürger von einer Regierungspartei erwarten, ergab eine Umfrage von infratest dimap in Bayern.

So könnte es auch den Hamburger Sozialdemokraten ergehen. Gut möglich, dass sie am Ende dieser Legislatur ihren zähen Kampf mit der konservativen Opposition um den Preis für die beste Wirtschaftspolitik gewinnen – und kaum jemand zuschaut. Die Wähler sind weitergezogen, zu anderen Arenen. Da geht es um Umwelt, Klima, Verkehr, Wissenschaft: Themen, die wichtiger wirken, als sie es ohnehin sind, wenn man das Gefühl hat, um die Wirtschaft müsse man sich nicht groß sorgen.

Kaum besser für die Sozialdemokraten wäre eine andere Möglichkeit: dass landespolitische Themen im nächsten Wahlkampf, ähnlich wie beim letzten Mal, kaum eine Rolle spielen und die Wähler sich stattdessen von der Stimmung in der Bundespolitik leiten lassen. Auch das käme wahrscheinlich den Grünen zupass und der SPD wohl eher nicht.

In den bundesweiten Umfragen erzielen die Grünen zurzeit ähnliche Ergebnisse wie die SPD, im kollektiven Gedächtnis der Hamburger kommen grüne Erfolge allerdings kaum vor. Noch vor der letzten Wahl standen die Grünen für die gescheiterte Primarschulreform, den missglückten Einsatz für eine Straßenbahn und den vergeblichen Widerstand gegen das Kraftwerk Moorburg. Wer weiter zurück denkt, dem fallen Flügelkämpfe und gescheiterte Koalitionsverhandlungen ein, die Spaltung der damaligen GAL und ein konfliktbeladenes Bündnis mit der SPD.

Und nun? Plötzlich stehen die Grünen für Exzellenz.

Wahrscheinlich hat die grüne Wissenschaftssenatorin und Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank nicht viel zum Erfolg der Hamburger Hochschule mit ihrer Exzellenzinitiative beigetragen, in erster Linie ist dies eine Leistung der Universität und der ausgezeichneten Institute. Aber die Senatorin hat ihre engen Spielräume genutzt. Seit zweieinhalb Jahren wirbt sie für die Belange der Wissenschaft. Den kleinen zusätzlichen Etat, den ihre Partei in den Koalitionsverhandlungen für die Hochschulen herausholte, investierte sie überwiegend in die Exzellenzinitiative, eine politische Wette, die sie gewonnen hat: Vier Institute der Hamburger Uni, der bislang der Ruf der Mittelmäßigkeit anhaftete, schmücken sich nun mit dem begehrten Prädikat.

Die Grünen als Förderer einer exzellenten Wissenschaft, bis zum nächsten Wahlkampf wird das kaum in Vergessenheit geraten.