Der Moment, in dem ein Konzern und der Staat im Hambacher Forst die Kontrolle verlieren, ist keiner, in dem Aktivisten Bäume umklammern. Es ist keiner, bei dem Menschen Protestparolen brüllen. Keiner, bei dem Schlagstöcke oder Fäkalien durch die Luft fliegen. Es ist kein Moment der Wut, es ist einer der Euphorie.

Am vergangenen Samstag spielt auf der Großdemonstration nahe dem Hambacher Forst die Band Revolverheld. Der Sänger ruft: "Verdammte Scheiße, Hambi bleibt!" Plötzlich schlendern Menschen aus dem Publikum los. In den Wald hinein, der bis vor ein paar Tagen noch Sperrgebiet war. Bis zu dem Ort, der bisher eine unüberwindbare Grenze für sie war: jener Fläche, ein paar Hundert Meter breit, die den Wald vom Loch trennt, aus dem RWE Braunkohle baggert.

Seit Jahren wird diese Fläche streng bewacht, von RWE-Sicherheitsleuten, zuletzt auch von der Polizei. Doch nun spazieren die Demonstranten einfach darüber. Ein Polizist warnt mit einem Megafon: "Vorsicht, Sie begeben sich in Lebensgefahr." Die Menschen lachen und spazieren weiter. Keiner hält sie auf. Nicht die Polizei, nicht die RWE-Sicherheitsleute. Selbst als Hunderte gefährlich nah an der Abbruchkante stehen, passiert nur eines: Ein Arbeiter schaltet den Bagger ab. Und die Demonstranten jubeln, als hätten sie höchstpersönlich den Staat und den Konzern in die Knie gezwungen.

Zwar war es ein Gericht, das am Tag zuvor die Rodung des Hambacher Waldes vorerst untersagt hatte. Doch das spielt hier keine Rolle. Die Demonstranten können sich als Sieger fühlen. RWE und die Landesregierung haben sich verkalkuliert. Wie konnte es dazu kommen?

Der Ministerpräsident, der zu hart war

Es ist Mittwoch, der 26. September. Die Sonne strahlt, und auch Armin Laschet ist heiter gestimmt. Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen hüpft über die Treppenstufen des Aachener Rathauses, keine halbe Stunde entfernt vom Hambacher Forst. Noch ahnt er nicht, dass dieser Wald schon bald seine gute Laune trüben wird.

So gibt sich Laschet an diesem Mittag entspannt. Bei einer Cola light erzählt er, in Düsseldorf hätten einige Aktivisten von Greenpeace heute die Staatskanzlei besetzt. Alles sei friedlich ausgegangen. Er sei allerdings froh, dass er nicht dort war. Der Hambacher Forst ist für ihn nur ein Problem von vielen. Und eines, das hoffentlich bald gelöst ist: "Die Besetzung ist nicht nur ungesetzlich, sondern auch gefährlich", sagt er. "Deswegen mussten wir räumen."

Juristisch gibt es an diesem Argument wenig Zweifel. Die Polizeiabteilung im Düsseldorfer Innenministerium begründete die Räumung damit, dass die Aktivisten in den Baumhäusern mit Öfen geheizt und mit Gas gekocht hätten. Laschets Regierung hat die Brandschutzverordnung auf ihrer Seite.

Eines erwähnt der Ministerpräsident aber nicht: Politisch hätte Laschet durchaus Spielraum gehabt. Er hätte den Wald besuchen oder öffentlich mit den Umweltverbänden reden können. Er hätte von RWE verlangen können, mit der Rodung noch zu warten, bis in Berlin der Plan zum Kohleausstieg steht. Die auch aus NRW stammende SPD-Umweltministerin Svenja Schulze hat das getan. Laschet nicht. Denn die Räumung kam ihm gelegen.