DIE ZEIT: Pater Zollner, Ihr Job als päpstlicher Kinderschutzbeauftragter ist es, Gewalt zu verhindern. Wie geht es Ihnen mit all den Nachrichten über Kindesmissbrauch in der Kirche?

Hans Zollner: Wir Priester sollten jetzt auf keinen Fall unsere Befindlichkeiten ausbreiten oder gar klagen, denn wir sind nicht die Opfer. Ich versuche, es mit Fassung zu tragen, dass meine Kirche als Ganze angeklagt wird – einfach weil die Verbrechen immens waren und ihre Vertuschung inakzeptabel bleibt. Wenn man momentan in Australien oder in Irland im Priesterhemd durch die Straßen geht, dann kommt es natürlich vor, dass man bespuckt und beschimpft wird oder dass jemand obszöne Gesten macht. Aber ich glaube, das muss so sein. Es ist gut, dass die Wahrheit herauskommt, auch das, was scheinbar lange zurückliegt. Wer, wenn nicht wir, soll für die Sünden der Väter geradestehen?

ZEIT: Das katholische Ereignis des Jahres sollte eigentlich nicht der Missbrauchsskandal, sondern die Jugendsynode sein, die vorige Woche in Rom begann und noch bis Ende Oktober dauert. Erstmals wurden zum Welttreffen der Bischöfe Jugendliche eingeladen, doch einige Bischöfe wollten das Treffen absagen, es kam ihnen makaber vor. Warum ist der Papst dabei geblieben? Und warum sagt er, Gott sei jung?

Zollner: Ich finde es richtig, dass die Jugendsynode stattfindet. Zum einen darf die Kirche, die hinsichtlich der Missbräuche versagt hat, nicht jetzt auch noch bei der Sorge um die Jungendlichen versagen. Zum anderen sind in der Bibel die Jungen ein Zeichen für die Treue Gottes: Das beginnt schon bei Abraham, dessen Frau unfruchtbar sein soll. Er aber glaubt an die Verheißung, er werde so viele Nachkommen haben, "wie Sterne am Himmel sind". Tatsächlich wird seine Frau schwanger. Also: Kinder sind ein Versprechen Gottes. Genau wie bei Maria, die Jesus gebiert: Das unscheinbare, bedrohte Kind ist ein Beweis für Gottes Gegenwart.

ZEIT: Und die verletzten Kinder von heute?

Zollner: In einer Kirche, die die Kinder verrät, ist Gott vielleicht wirklich nicht gegenwärtig. Er ist es nicht, wo sich die Kirche von ihm entfernt. Ich will es noch mal aus der Bibel heraus erklären: Dort begegnen uns Kinder als jene, die der Gesellschaft damals nicht als vollwertige Menschen galten. Jesus erst holt sie in die Mitte und provoziert damit seine Jünger. Sie denken, der Heiland müsse sich mit wichtigen Leuten umgeben, und schicken die Kinder weg. Jesus aber sagt: Lasst sie zu mir kommen! Genau das soll die Aufgabe allen kirchlichen Dienstes sein, Schwache in Schutz zu nehmen.

ZEIT: Vielen Schwachen ist nun das Gegenteil passiert, ihre Vertrauensseligkeit wurde ausgenutzt. Was sagen Sie Mitpriestern, die finden, dass Missbrauch kein speziell kirchliches Problem sei?

Zollner: Ich erkläre ihnen die Spezifik des Missbrauchs in der Kirche. Dass das Vertrauen gerade in die Priester immens ist und der Vertrauensbruch daher besonders fatal. Zum einen hat den minderjährigen Opfern oft keiner geglaubt, dass ein Mann Gottes etwas so Schreckliches getan haben könnte. Zum anderen empfanden Opfer es als doppelt schmerzlich, dass der Missbraucher sie quasi im Namen Gottes verriet und quälte. Gewalt durch Priester konterkariert, was Kinder glauben können: dass Jesus die Kleinsten schätzt, die gar nichts bieten können, und dass er den Erwachsenen rät, wie die Kinder zu werden, so einfach und so vertrauensvoll.

ZEIT: Bitte übersetzen Sie uns das ins Heute!