Giovanni di Lorenzo: Lieber Herr Schmidt ...

Helmut Schmidt: ... Sagen Sie mal, können Sie mir erklären, warum so viele Journalisten nicht zu verstehen sind, wenn sie reden?

di Lorenzo: Sie meinen die Kollegen eben in unserer Politikkonferenz?

Schmidt: Ja, aber nicht nur da. Ich meine, dass jemand, der ein klares Urteil hat und analytisch denken kann, auch eine gute Stimme und Artikulationsvermögen haben sollte.

di Lorenzo: Na ja, Bismarck zum Beispiel soll eine ziemlich hohe Stimme gehabt haben.

Schmidt: Ist natürlich Pech, wenn einer eine hohe Stimme hat. Aber das kann man ausgleichen. Dann muss man langsam sprechen. Ich spreche auch viel langsamer als die Kollegen hier.

di Lorenzo: Sie haben leicht reden, Sie können wunderbar modulieren. Haben Sie mal Sprechtraining gehabt?

Schmidt: Nö, das habe ich im Laufe des Lebens gelernt.

di Lorenzo: Sie reden wie ein Schauspieler.

Schmidt: Ja, aber ich würde kein Schauspieler sein können, weil ich die Texte nicht behalte.

di Lorenzo: Sind Sie wirklich ganz ohne Imageberater ausgekommen in Ihrem langen Politikerleben?

Schmidt: So was gab’s damals nicht, und ich wäre auch nie auf die Idee gekommen. Ich habe allerdings großen Wert darauf gelegt, dass der Pressesprecher meiner Regierung sein Metier beherrschte und das Taktgefühl hatte, das dazu notwendig ist. Das war Klaus Bölling, der war damals 30 Jahre jünger als heute ...

di Lorenzo: ... auch ein sehr telegener, also öffentlichkeitswirksamer Mann ...

Schmidt: ... er konnte sehr gut mit seinen journalistischen Kollegen umgehen, und er hat politisches Gespür und politische Urteilskraft. Dann habe ich mal ein Jahr lang oder anderthalb jemanden aus der ZEIT geholt, Kurt Becker, ein wunderbarer Kerl! Aber ausgerechnet mit Journalisten konnte er nicht so gut umgehen.

di Lorenzo: Haben Sie jemals einen politischen Redner erlebt, von dem Sie sagen würden, der ist sogar besser als ich?

Schmidt: Jedenfalls habe ich einen erlebt, der mindestens genauso gut war: Das war Franz Josef Strauß.

di Lorenzo: Hat der improvisiert?

Schmidt: Ja, so wie ich auch. Das Problem bei ihm war nur, dass manchmal Unglücke passierten, wenn er extemporierte.

di Lorenzo: Ist Ihnen das nie passiert?

Schmidt: Ich hatte vielleicht mehr Selbstdisziplin.

di Lorenzo: Und heute, welche Politiker finden Sie als Redner brauchbar?

Schmidt: Das kann ich nicht beurteilen.

di Lorenzo: Es gab bis zur letzten Bundestagswahl immerhin einen Joschka Fischer!

Schmidt: Der Joschka Fischer ist in meinen Augen ein begabter Demagoge, ein glänzender Sprecher. Aber sonst: bis gestern Friedensbewegung und plötzlich, 1998, ein Bellizist, ob es Bosnien, Kroatien oder Herzegowina war. Und das dann auch noch im Namen von Auschwitz, das ist Fischer.

di Lorenzo: Sie reden jetzt wie ein Linker bei den Grünen. Haben Politiker nicht das Recht, sich zu verändern?

Schmidt: Es kann ja sein, dass er inzwischen erwachsen ist, ein bisschen spät im Leben, er dürfte jetzt beinahe sechzig sein.

di Lorenzo: Tun Ihnen manche Ihrer Urteile oder Polemiken leid?

Schmidt: Manche Polemik kam aus dem Handgelenk, aber sie war gleichwohl in dem Bruchteil der Sekunde, ehe sie ausgesprochen war, doch überlegt und kontrolliert. Deshalb glaube ich, dass ich in 30 Jahren Zugehörigkeit zum Parlament kaum etwas gesagt habe, was ich später hätte bereuen müssen.

Aus dem ZEITmagazin Nr. 41/2007