Man muss derzeit so basal anfangen, wenn man über den HSV schreibt: Fußball ist ein Ergebnissport. Es geht darum, in 90 Minuten mehr Tore zu schießen als der Gegner und so viele Spiele wie möglich zu gewinnen. Wer am Ende einer Saison die meisten Punkte gesammelt hat, wird Meister oder steigt in eine höhere Liga auf. Allein daran gemessen, gibt es für Christian Titz, Cheftrainer des Clubs, keinen Grund, um seinen Job zu bangen. Mit seiner Mannschaft hat er fünf von neun Zweitligaspielen gewonnen, nur zwei verloren und die zweite Runde des DFB-Pokals erreicht. In der zweiten Liga steht der HSV mit 17 Punkten auf dem dritten Rang; der Tabellenführer 1. FC Köln hat nur zwei Zähler Vorsprung. Ernste Sorgen um das Verpassen des Saisonziels direkter Wiederaufstieg sind unbegründet.

Eigentlich.

Trotz Titz’ positiver Bilanz tobt seit der 0 : 5-Niederlage gegen Jahn Regensburg Ende September aber eine öffentliche Diskussion um eine mögliche Entlassung des Trainers.

Die Argumente der Gegner: Bis zum 2 : 1-Auswärtssieg beim SV Darmstadt vergangene Woche blieb der HSV drei Spiele in Folge sieg- und torlos, die Mannschaft konnte weder offensiv noch defensiv überzeugen, wie in nahezu allen Pflichtspielen der bisherigen Saison.

Sind die Leistungen zu schlecht für die eigenen Ansprüche? Oder handelt es sich um die normal wackelige Anfangsphase eines jungen Fußballteams? Das fragen sich Fans und Verantwortliche. Wobei der Vorstand des Vereins in der Diskussion um den Trainer gerade eher Unruhe als Ruhe reinbringt. Während in Fankreisen mehrheitlich über eine Anti-Titz-Kampagne einer Hamburger Boulevardzeitung spekuliert wurde – angeblich als Reaktion auf eine verweigerte Sonderbehandlung einzelner Medienvertreter –, hat Sportvorstand Ralf Becker bislang ein klares öffentliches Bekenntnis zum Trainer vermieden. "Wir müssen eine Reaktion zeigen. Jeder, der im Leistungssport arbeitet, der weiß, es ist manchmal hart: Das gilt für mich, den Trainer – da muss man die Themen offen ansprechen", forderte er vor dem Spiel in Darmstadt.

Das zentrale Thema, über das derzeit offen diskutiert wird, ist die Spielidee des Trainers. Titz will, dass seine Mannschaft so häufig wie möglich den Ball hat, er will den Gegner dominieren, der Torwart wird in das Spiel eingebunden wie ein weiterer Abwehrspieler. Bis vor Kurzem galt das noch als revolutionär, aber die Taktik scheint von den Gegnern schnell entschlüsselt worden zu sein. Dem Sportvorstand ist nicht verborgen geblieben, welchen Einfluss die individuelle Qualität innerhalb der Mannschaft, Spielglück und Unvermögen der gegnerischen Stürmer auf den Verlauf und den Ausgang der bisherigen Spiele gehabt haben. Der HSV lief in nahezu jeder Partie Gefahr, abgeschossen zu werden. Das bereitet den Verantwortlichen Sorge.

Viele der Fans mögen Christian Titz, weil es ihm im Endspurt der letzten Saison gelungen ist, den Glauben an eine Minimalchance auf den Klassenerhalt zurückzubringen – der versöhnliche und würdevolle Abgang in die Zweitklassigkeit ist vor allem dem Hype um seine Person zu verdanken. Nur kann Sympathie nach all den Erfahrungen der letzten Jahre nicht der Maßstab sein, um die Arbeit eines Trainers zu bewerten. Daran ist der HSV in der Vergangenheit schon häufig gescheitert, wenn sich Präsidenten oder Vorstände zu sehr der öffentlichen Meinung anpassten und in kurzen sportlichen Hochphasen nicht mehr rational handelten. Ralf Becker und der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann müssen das große Ganze im Auge behalten.

Sie wissen, dass sich der klamme HSV mehr als ein Jahr Zweitklassigkeit nur mit großer Mühe erlauben kann. Zu groß ist der finanzielle Druck aufgrund der anstehenden Rückzahlung einer Fan-Anleihe im Herbst 2019 und auslaufender Sponsoring-Verträge, als dass die deutlich geringeren Einnahmen das Defizit ausgleichen könnten. Von einem Kader, der zwischen 28 bis 30 Millionen im Jahr kostet, muss man den direkten Aufstieg erwarten dürfen, eigentlich auch, ohne bis zum Schluss zittern zu müssen. Das hat nichts mit Arroganz oder Überheblichkeit zu tun, sondern mit einem nüchternen Vergleich der Möglichkeiten und Verhältnisse innerhalb der Liga. Köln und Hamburg sind den meisten Konkurrenten auf vielen Ebenen überlegen.

Das ist der Grund, warum Ralf Becker ein klares Vertrauensbekenntnis vermeidet: Die Kontinuität auf der Trainerbank ist nur im Falle des Erfolges zu rechtfertigen. Kontinuität allein ist kein Qualitätsmerkmal, auch wenn das den Fans angesichts der kaum zu verarbeitenden Fülle an Wechseln in den vergangenen Jahren schwer zu vermitteln ist.

Darin liegt die größte Herausforderung der neuen Führung: Sie muss verkrustete Denkmuster aufbrechen, die den Prinzipien des Leistungssports widersprechen. Der HSV darf kein Verein mehr sein, in dem das Erreichen eines Minimalziels wie die deutsche Meisterschaft gefeiert wird und zu großzügigen Vertragsverbesserungen verleitet. Zu häufig flüchteten Spieler und Verantwortliche in Alibis, redeten eigene Leistungen schöner und Gegner stärker, als sie waren, um von Defiziten abzulenken und mehr Zeit für Entwicklungen fordern zu können. Doch diese Zeit gibt es nicht. Der Vorstand muss den Druck aufrechterhalten, um maximale Leistungen zu provozieren und die Ziele schnellstmöglich zu erreichen. Dazu braucht es keine öffentlichen Treueschwüre, sondern Lösungsansätze für offensichtliche Probleme. Wenn Christian Titz die Mannschaft nicht stabilisieren kann und der direkte Wiederaufstieg in Gefahr gerät, bleibt der Führung nichts anderes übrig, als unpopuläre Entscheidungen zu treffen. Im Sinne der Sache. Und nicht im Sinne der Sympathie.