Die Zukunft Europas entscheidet sich in einem tristen Vorort von Brüssel. Genauer gesagt: in einer unscheinbaren Seitenstraße von La Hulpe im Süden der belgischen Hauptstadt. Dort ist in einem futuristischen Bürokomplex aus Beton und Glas das zentrale Nervensystem der Weltwirtschaft untergebracht: die Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication, kurz Swift.

Das geheimnisvolle Unternehmen ist eine Art Kurierdienst für die Finanzwelt. Es sorgt dafür, dass das Geld um den Globus zirkulieren kann. Mithilfe der gewaltigen Computersysteme von Swift wickeln Banken für ihre Kunden grenzüberschreitende Überweisungen ab. Fast 11.000 Institute in über 200 Ländern tauschen sich auf diese Weise aus, rund sieben Milliarden Transaktionen verarbeiten die Rechner in La Hulpe jedes Jahr. Das sind etwa 200 in jeder Sekunde.

In einer globalisierten Wirtschaft sichert Swift also den Zugang zum Weltmarkt, und das bedeutet: Wenn ein Land an das System nicht mehr angeschlossen ist, ist es international nicht mehr geschäftsfähig.

Genau das droht dem Iran, denn in drei Wochen sollen die Swift-Leute iranische Banken von dem Computersystem in La Hulpe abklemmen. So stellt sich das US-Präsident Donald Trump jedenfalls vor. Er hat das internationale Nuklear-Abkommen gekündigt, wonach der Iran auf Atomwaffen verzichtet und dafür von Wirtschaftssanktionen entbunden wird. Nun plant er, das Regime in Teheran wieder finanziell zu isolieren. Die Mitgliedsstaaten der EU aber wollen genau das verhindern. Deshalb ist La Hulpe Schauplatz eines beispiellosen Ringens um Macht und Einfluss in der Weltwirtschaft.

Die entscheidende Runde in dieser Auseinandersetzung findet an diesem Wochenende statt, wenn die Finanzminister und Notenbankchefs der 20 führenden Wirtschaftsnationen anlässlich der Jahrestagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Bali zusammenkommen. Längst geht es dabei nicht mehr nur um den wirtschaftlich vergleichsweise unbedeutenden Iran. Für Trump ist Swift ein Instrument amerikanischer Interessenpolitik. Denn auch wenn der amerikanische Präsident den Eindruck erweckt, die USA zögen sich unter seiner Führung aus dem Weltgeschehen zurück, so ist die Wirklichkeit etwas komplizierter: Trump will sich selbst zwar nicht durch internationale Regeln binden lassen, aber er erwartet sehr wohl, dass andere Länder die von ihm aufgestellten Regeln befolgen – sonst droht er mit Sanktionen. Die EU-Führung sieht das als Angriff auf die europäische Souveränität, die sie entschlossen verteidigen will.

Die Amerikaner überlassen nichts dem Zufall. Trumps Unterhändler haben Managern in Banken und Unternehmen in ganz Europa in vielen Einzelgesprächen zu verstehen gegeben, dass den Zugang zum amerikanischen Markt zu verlieren droht, wer weiter im Iran aktiv ist. Oder wie es der Präsident selbst formulierte: "Jeder, der mit dem Iran Geschäfte macht, wird keine Geschäfte mit den Vereinigten Staaten machen."

Konzerne wie Daimler, Siemens oder die Deutsche Bahn haben ihr Engagement schon weitgehend eingestellt. Es gibt aber in Deutschland und in anderen europäischen Ländern noch mittelständische Firmen – etwa den Gipshersteller Knauf oder das Medizintechnikunternehmen Medipan –, die dem Iran die Treue halten. Aus europäischer Sicht ist es entscheidend, dass diese Firmen nicht auch noch vertrieben werden, denn sonst wird sich die iranische Regierung ihrerseits womöglich nicht mehr an das Nuklearabkommen halten. Schließlich war das der Deal, auf den das Land sich eingelassen hatte: Wenn es auf die Entwicklung von Kernwaffen verzichtet, werden Sanktionen gestrichen.

Doch nun treten am 4. November neue Sanktionen in Kraft. Die Amerikaner wollen Swift dazu bringen, die Adressen der iranischen Banken aus den Systemen in La Hulpe zu löschen. Dort ist jedes teilnehmende Geldinstitut über einen Adresscode identifizierbar, der bei grenzüberschreitenden Überweisungen angegeben werden muss. Die Bank Melli in Teheran zum Beispiel wird unter dem Code MELIIRTHXXX geführt, die Bank Saderathat hat die Bezeichnung BSIRIRTHXXX. Wenn keine Überweisungen mehr möglich sind – so das Kalkül in Washington –, dann wird der Handel mit dem Iran zusammenbrechen, weil ausländische Unternehmen nicht mehr an ihr Geld kommen.

Trumps Problem: Direkten Zugriff auf Swift haben die Amerikaner nicht. Das Unternehmen ist eine Genossenschaft, Eigentümer sind die Banken, die das System nutzen. Und weil es in Belgien ansässig ist, unterliegt Swift europäischem Recht – nicht amerikanischem.

Trump hat den Atomvertrag mit dem Iran zwar aufgekündigt, im Rest der Welt ist er aber weiter gültig, weil sich Teheran bislang an die Auflagen der Staatengemeinschaft hält. Die EU hat sogar ein Gesetz erlassen, mit dem Firmen verklagt werden können, die sich wegen der amerikanischen Sanktionen aus dem Iran zurückziehen. Bislang ist es aber noch nicht angewendet worden.