DIE ZEIT: Es fällt ja schon schwer, Alexander Gerst durch die Internationale Raumstation schweben zu sehen und sich gleichzeitig vorzustellen, dass diese in weniger als zehn Jahren abgewrackt wird. Wie geht’s der ISS?

Bernardo Patti: Bislang sind der Betrieb und die Finanzierung der ISS durch alle Partner bis 2024 gesichert.

ZEIT: Und dann?

Patti: Eine mögliche Verlängerung erwägen derzeit die beiden größeren Partner, die das russische und das US-amerikanische Segment verantworten. Das ist wie bei einem Auto, bei dem man sich fragt, wie lange man es wohl noch fahren wird – die Zukunft der ISS hängt von verschiedenen Faktoren ab.

ZEIT: Von welchen?

Patti: Erstens, ob die Station technisch noch fit ist und keine größeren Reparaturen benötigt. Zweitens, ab wann es ein Programm für Forschung jenseits des erdnahen Orbits gibt. Und drittens, wann Industriepartner übernehmen können.

ZEIT: Der Reihe nach: Wie gut ist die ISS in Schuss?

Patti: Die ISS ist zertifiziert bis mindestens 2028 und könnte so lange fliegen. Ihre ersten Elemente wurden 1998 ins All geschossen und haben eine garantierte Laufzeit von 30 Jahren.

ZEIT: Und die Forschung an Bord?

Patti: Da kann man nicht einfach den Stecker ziehen. Auch 2024 nicht, glaube ich. Dafür sind einfach noch zu viele Fragen offen. Das betrifft insbesondere die Effekte von Langzeitflügen im All auf den menschlichen Körper ...

ZEIT: ... was künftig auf einer privaten Station erforscht werden könnte? Kann man Ihren dritten Punkt so verstehen?

Patti: Dazu bräuchten wir einen kommerziellen Partner, der eine eigene Plattform errichtet. Bevor Sie jetzt fragen, ob der in Sicht ist: Nein, die Investitionen wären zu groß.

ZEIT: Wie wäre es mit einer privatisierten ISS?

Patti: Die Welt ist voller falscher Vorhersagen. Wir müssen sehen, wie sich der Markt entwickelt, der kann in fünf Jahren ganz anders aussehen. Ich erwarte schon Überraschungen. Wer will ausschließen, dass Stationen im erdnahen Orbit ein Geschäft werden, so wie es auch bei Kommunikations- und Erdbeobachtungs-Satelliten der Fall war?

ZEIT: Und wenn nicht, wie würde das Ende aussehen? Wie entsorgt man eine Raumstation?

Patti: Das könnten wir schon morgen tun! Wenn es eine Havarie gäbe – sagen wir: wenn ein Meteorit die ISS träfe, vielleicht nicht gar so schlimm wie im Film Gravity, aber dennoch, wenn sie aufgegeben werden müsste ...

ZEIT: ... das heißt, wenn irreparable Schäden an der Station auftreten würden ...

Patti: ... dann würde ja niemand wollen, dass sie da unkontrolliert herumschlingert. Deshalb gibt es die Berechnungen und die Mittel, um die Station herunterzuholen. Wir hoffen, dass das erst in 20 Jahren passieren wird, aber wir sind darauf vorbereitet: Zwei russische Progress-Raumtransporter bremsen die ISS so weit ab, bis sie von der Erdanziehung vollends heruntergezogen wird. Die ISS würde dann über dem Südpazifik niedergehen.

"Gerade treten wir in ein Goldenes Zeitalter"

ZEIT: All das teure Material futsch? Ließen sich nicht zumindest einzelne Teile wiederverwerten?

Patti: Das wäre sehr, sehr kompliziert, wenngleich technisch machbar, zumindest bei einigen wenigen Modulen. Aber auch die jüngsten Teile kamen 2010 ins All, wären im Jahr 2030 also 20 Jahre alt.

ZEIT: Wofür könnten sie dann noch gut sein?

Patti: Die jüngeren Module in eine neue Station zu integrieren, das klingt gut, wäre aber technisch sehr aufwendig.

ZEIT: Jetzt mal spekuliert – könnte man Teile der ISS für eine Mondmission nutzen, sei es im Orbit oder auf der Mondoberfläche?

Patti: Nein, nein, dafür wären die Anforderungen ganz andere. Auch wenn der Gedanke verlockend erscheint, so funktioniert das einfach nicht. Man muss ganz andere Spezifikationen erfüllen, zum Beispiel beim Strahlenschutz. Aufgrund des Treibstoffbedarfs müsste die Ausrüstung für eine Mondmission außerdem viel leichter sein als die für eine niedrige Erdumlaufbahn.

ZEIT: Welche Veränderungen erwarten Sie dann während der verbleibenden Betriebszeit?

Patti: Etwa 70 Prozent der Betriebskosten der ISS entfallen auf den Transport von Astronauten und Fracht. Je weiter wir diese Kosten senken, desto offener wird die Station für Besucher, desto mehr können wir aus ihr machen. Es könnten zum Beispiel auch normale Wissenschaftler mit weniger Training hinfliegen.

ZEIT: Was glauben Sie also, wie eine plausible Zukunft für die ISS aussieht?

Patti: Je weiter man in die Zukunft schaut, desto gröber wird das Bild, das man erhält. Man kann zu Recht sagen, dass wir noch viel in der Anwendung tun müssen, damit sich die Investitionen auszahlen. Gerade treten wir in ein Goldenes Zeitalter, weil wir die Station im Routinebetrieb nutzen. Für die nächsten sechs Jahre gibt es da keinen Zweifel.

ZEIT: Und darüber hinaus?

Patti: Im Jahr 2024 wird die entscheidende Frage sein, ob wir noch eine Basis im niedrigen Erdorbit benötigen. Im Moment sagt die wissenschaftliche Community, ja, das werden wir. Und wenn wir dann dieselben Vorteile, dieselbe Menge an Experimenten und dieselben Crewgrößen haben wollen, ist es billiger, die vorhandene Infrastruktur zu nutzen. Je weiter man über 2024 hinausdenkt, umso spekulativer wird es. Wenn die Station in Schuss gehalten wird, gibt es aber gute Gründe, die 2020er-Jahre hindurch weiterzumachen.