Als er anfängt, von Ahrensburg zu reden, vom Haus, in dem er aufgewachsen ist, vom Sportplatz und dem angrenzenden Wald, ändert sich alles. Gerade noch hat Jonathan Meese in seinem Atelier in Prenzlauer Berg raumgreifend deklamiert, wie die von ihm ersehnte Diktatur der Kunst bald über die Menschheit kommen werde. Seit Jahren zieht er diese Show in beinahe jedem Interview ab, riesige Begriffe fliegen herum, irre Vergleiche, Sprachbilder, die genauso brachial wirken wie seine Kunst, aber was heißt "wie", sie gehören ja dazu. Man weiß nie genau, ob er das jetzt ernst meint, aber auch das ist die falsche Frage. Er ist gar nicht mehr da, aus ihm spricht der Performance-Autopilot, man könnte ihn nachts wecken, und es geht sofort los, er hat lange dafür trainiert. Die Biografie, in der das steht, ist am Vortag erschienen, und daran liegt es auch, dass heute etwas anders ist. Heute erzählt Jonathan Meese, 48, zum ersten Mal auch von seinem Leben.

Dass er über sich redet, ist nicht neu, nicht nur bezieht er sich in seiner Kunst permanent und penetrant auf sich; er hat im Lauf der Zeit ein Alter Ego erfunden, eine Kunstfigur, die nicht nur heißt wie er und aussieht wie er, er ist sie selbst. So wie andere Künstler hinter ihr Werk zurücktreten, als Persönlichkeit darin aufgehen und ansonsten eher unsichtbar sind, tritt Jonathan Meese hinter Jonathan Meese zurück und entkommt in die Fiktion. Es ist unmöglich, zu sagen, in welchem Modus er sich befindet.

Und jetzt eine Biografie. Die ein paar Lücken hat und sich an vielen Stellen verdächtig wie eine Genie-Erzählung liest. Ein halbes Leben als Heldenreise. Die wichtigste Frage also: Ist das nun die wahre Geschichte? Oder die Überformung der Überformung? "Vieles ist untertrieben, vieles übertrieben", sagt Meese. "Aber erfunden ist nichts." Eine Basis an verbürgten und überwiegend belegbaren Fakten also, der gemeinsame Nenner aller Erzählungen seines Lebens.

Das spannendste Kapitel ist natürlich das, in dem steht, wie Jonathan Meese zu Jonathan Meese wurde, einem Künstler, der viele Beobachter abstößt und verschreckt, der aber zweifellos zu den auffallendsten Künstlern gehört, die Hamburg hervorgebracht hat.

Geboren ist Meese am 23. Januar 1970 in Tokio, sein Vater, ein Waliser, war im Zweiten Weltkrieg als Soldat in Japan stationiert und kehrte später dorthin zurück. Seine Mutter, geboren in Stuttgart, verbrachte ihre Jugend im Internat Salem am Bodensee, ging dann zur Schwester nach Tokio, kehrte 1973 mit den Kindern nach Deutschland zurück – wegen des Schulsystems, sagt die Mutter, heute 88, und erzählt, während sie im Atelier in Prenzlauer Berg neben ihm sitzt: Eine Hamburger Freundin wusste von einem freien Haus zur Miete und rief zur Weihnachtszeit in Tokio an: Hast du etwas dagegen, nach Ahrensburg zu ziehen? "Ich fragte: Was ist Ahrensburg? Und sie sagte: Eine halbe Stunde mit dem Rad von meinem Haus entfernt. Da habe ich gesagt: Nehme ich."

Die Meeses wohnten in einer Sackgasse, Jonathan musste erst Deutsch lernen. "Ich wurde da als Dreijähriger reingeworfen, konnte eigentlich nur Japanisch." Er blieb Einzelgänger und Einzelkämpfer, machte Abitur und saß danach zu Hause, hörte Platten und las, "er war friedlich und hat nicht gestört", sagt seine Mutter, ein VWL-Studium brach er am Tag der ersten Prüfung ab, wie auch schon den Tanzkurs. Kunst hatte er in der 11. Klasse abgewählt, die Bilder hat vorher seine Mutter für ihn gemalt. "Er fragte mich immer: Was soll ich denn nun eigentlich werden?, und ich sagte: Weiß ich doch auch nicht", erzählt seine Mutter.

An seinem 22. Geburtstag waren Mutter und Sohn in der Mönckebergstraße unterwegs, sie fragte ihn, was er sich wünschte, er sagte: einen Zeichenblock, Pastellkreiden, ein paar Bleistifte. Warum denn das auf einmal, fragte sie, er sagte: Ich will malen und zeichnen. "Stimmt wirklich", sagt er, "und ich habe bis zum heutigen Tag nicht mehr aufgehört." In seinem Zimmer in Ahrensburg standen drei Staffeleien, bald stank es darin so nach Ölfarben, dass er auf einem Feldbett im Wohnzimmer schlafen musste. Er besuchte einen Zeichenkurs der Volkshochschule, zwei Kurse an der Malschule der Hamburger Kunsthalle, Lithografie und Radierung, dann einen Mappenvorbereitungskurs in Blankenese. "Ziemlich ungenial, das alles", sagt er.