Im Juli auf Sylt: Vor der "Nördlichsten Fischbude Deutschlands" steht ein älterer Herr und macht ein mürrisches Gesicht. Er trägt eine weiße Kochjacke mit roten Knöpfen, aus seiner Brusttasche lugt ein Hummer aus rotem Stoff. "Der muss weiter nach vorn", sagt er und deutet auf einen Sonnenschirm. Sofort versetzt ein junger Kerl an seiner Seite den Schirm. Dann deutet der ältere Herr auf einen hüfthohen Blumenkübel, der stehe auch falsch. Sein Helfer läuft ins Restaurant und kommt mit einer Sackkarre zurück. Doch da hat der Alte den Kübel schon hin und her gewippt und dorthin bewegt, wo er ihn haben will.

Der Mann, der hier den Blumenkübel umsetzt, ist Jürgen Gosch, 77 Jahre alt, Unternehmer und wahrscheinlich hundertfacher Millionär. Die Szene ist keine Show für den Zeitungsreporter, sondern eine zufällige Beobachtung im Urlaub. Gosch ist wirklich so. Statt seinen Reichtum zu genießen, wie es auf Sylt ja nicht unüblich ist, kommt er fast jeden Tag in das Restaurant am Hafen von List, dirigiert seine Mitarbeiter und rückt Kübel zurecht.

"Heute schon gegoscht?", lautet der Slogan seiner Firma. Das zielt natürlich darauf, dass man täglich in einem der 50 Gosch-Restaurants in Deutschland essen soll. Doch der Name Gosch steht eher für etwas anderes: Heute schon gearbeitet? Jürgen Gosch ist ein unermüdlicher Arbeiter und Antreiber.

Weil seine Familie arm war, musste er schon als Kind im Akkord Krabben pulen

Er hat es weit damit gebracht. Selbst wer noch nie von Jürgen Gosch gehört hat, kennt die Marke (siehe Kasten). Und die Firma expandiert: Zum Jahresende kommt ein Restaurant in Warnemünde dazu, ein weiteres ist im Hamburger Hafen geplant. Über Geschäftszahlen schweigt Gosch, doch in Firmenregistern finden sich einige – beeindruckende – Daten. So hat allein das "Gosch am Kliff", ein Restaurant in Wenningstedt auf Sylt, Ende 2016 Gewinne in Höhe von 4,6 Millionen Euro angehäuft. Und die eigene Fischfabrik hortete sogar 8,4 Millionen Euro. Wie viel alle Gosch-Firmen und die Marke zusammen wert sind, darüber kann man nur spekulieren. Klar ist: Jürgen Gosch arbeitet nicht, weil er es muss.

Früher war das anders. Gosch wuchs mit zwei Schwestern und seiner alleinerziehenden Mutter in Tönning an der Nordsee auf. Weil sie arm waren, drehte sich alles ums Geld. Schon mit vier Jahren, so schildert er es in seiner Biografie, pulte er mit seinen Schwestern im Akkord Krabben. Später entlud er Fischerboote oder sammelte auf einer Müllkippe Schrott. Gosch ist mit Arbeit groß geworden.

Nach der Volksschule wurde er Maurer, 1966 schickte ihn sein Chef auf eine Baustelle nach Sylt. Dort wurde aus dem fleißigen Arbeiter ein hart arbeitender Unternehmer. Bei Gesprächen mit Fischern am Hafen entdeckte Gosch eine Marktlücke. Viele Touristen fragten nach Aalen, doch die Krabbenfischer sagten bloß: "Nee, hebbt wi nich." Gosch holte bei einem Händler in Husum Aale, packte sie in einen Korb und verkaufte sie mit Gewinn auf Sylt. Bald stand er immer nach Feierabend als Aalverkäufer am Hafen. Damit begann sein Aufstieg. Genau dort, wo er heute arbeitet.

Als die ZEIT für ein Gespräch anfragt, richtet eine Mitarbeiterin aus, während der Hauptsaison habe Herr Gosch wenig Zeit. Ende August klappt es aber. Schon morgens um elf strömen Touristen über den großen Platz vor dem Hafen in List. Sie sind dort von Gosch umzingelt. Auf der einen Seite liegt ein Restaurant-Komplex mit vier Gosch-Lokalen, auf der anderen Seite eine Gosch-Canapé-Bar, ein Gosch-Schuhgeschäft und ein Gosch-Fischmarkt. Dort kann man neben Matjes auch Wein kaufen (Gosch Sauvignon Blanc), Gosch-Westen und Gosch-Stoffhummer. Überall prangt das rot-weiße Gosch-Sylt-Logo und auf einigen Weinflaschen auch ein Bild von Jürgen Gosch. Er selbst ist Teil der Marke. Nicht zufällig trägt er – auf den Bildern wie in Wirklichkeit – immer die gleiche Kochjacke mit den roten Knöpfen und dem Hummer. Dreizehn solcher Jacken hat er. Gosch will wiedererkennbar sein wie ein Logo.

So gekleidet, steht Gosch auch an diesem Tag vor der Nördlichsten Fischbude, beobachtet, gibt Anweisungen und räumt auf dem Weg ins ruhigere Obergeschoss einen Aschenbecher ab.