Ob ein bisschen Opium wohl geholfen hätte, diesen Abend zur Spielzeiteröffnung auf Kampnagel zu verstehen? Um den Stoff mit der sedierenden, narkotisierenden Wirkung, die häufig begleitet wird von Halluzinationen, ging es jedenfalls bei der 3-D-Animation Queen Zomia . Verzerrte Blüten wabern durch das Bühnenhologramm des in Hongkong lebenden Künstlers Royce Ng. Körperlose, triefäugige Gesichter, psychedelische Gebirgszüge und Schattenrisse tauchen auf und verschwinden wieder.

Royce Ng erzählt die Geschichte der Drogenbaronin Olive Yang, die sich den genderüblichen Rollenzuweisungen im traditionellen China widersetzte und in den Fünfzigerjahren den Opiumhandel im Goldenen Dreieck zwischen Laos, Thailand und Myanmar beherrschte. Diese "Queen Zomia" war sicherlich eine schillernde Persönlichkeit. Doch da Royce Ng, in einer gläsernen Pyramide mitten in der 3-D-Animation stehend, ihre Biografie mit der Historie des Opiumhandels eher verwirrend als fesselnd verquickt, lässt sich das kaum erahnen. Der Abend ertrinkt in seiner eigenen Technik und lässt einen ratlos zurück.

Ob das nächste Stück es besser macht? Auch hier geht es um Rausch: Nach dem Drogentrip wird es bei Notorious von Lauren Barri Holstein körperlich. Als "eine der radikalsten feministischen Theater-Stimmen Großbritanniens" wird Barri Holstein im Programm angekündigt. Ihr neuestes Werk ist ein Mix aus dem antiken Medusa-Mythos, der Lebensgeschichte der derzeit kommerziell erfolgreichsten Rapperin Nicki Minaj und Lauren Barri Holsteins eigenem Körperwüten.

Auf der Bühne zeigt sie sich im filzigen Flokati-Kostüm mit Endloshaar und einem selbstbestimmten (und per Videoprojektion großflächig sichtbaren) Umgang mit weiblicher Begierde und Sexualität.

Natürlich flackert in Holsteins zombiehaft geschminkten Augen ein wenig Schalk auf, wenn sie – barock umrahmt von Kronleuchtern und ihren Mitakteurinnen Krista Vuori und Brogan Davison – mit der Geste der Selbstermächtigung die eigene Lust feiert, wenn sie masturbiert, sich rekelt, auf die Bühne pinkelt, sich fesseln lässt, wenn sie turnt und tanzt, sich mit verschiedenen phallischen Gegenständen penetriert, wenn sie von Folterfantasien erzählt, sich mit einem Tintenfisch auspeitscht und erneut masturbiert. Zwischendrin entschuldigt sie sich mit Kleinmädchenstimme und blechernem Gekicher für ihre Exzesse, für ihre gelebte Lust, ihre technisch zelebrierte, narzisstische Befriedigung.

Sie performe nur das, was die Zuschauer wollten, und sei dabei doch nur ein Opfer ihrer Gier nach Aufmerksamkeit, sagt sie. Es sei alles nur Theater, alles ein Schwachsinn, ein Riesenwitz. Gerade deshalb fragt man sich, warum Holstein diese Fantasien auslebt.

Klar wendet sie sich damit gegen die patriarchale Gemütlichkeit, gegen weibliche Unterwerfung und stereotype Machtgefüge. Doch letztlich reduziert Holstein die Frauenbewegung auf die sexuelle Selbstbestimmung und allein auf den Bereich unterhalb der Gürtellinie – damit bedient sie sich ausgerechnet der chauvinistisch erprobten sex sells- Strategie.

Ihr Plakat hänge im Kampnagel-Foyer neben einem, das ein zukünftiges Gastspiel der Pina-Bausch-Truppe annonciert. Das passe nicht zusammen, schämt sich die Performerin. "Wir sind dreckig, sie ist kultiviert." Doch damit hat sie unrecht, die beiden Künstler passen an diesem Ort zusammen. Schließlich hat Kampnagel gerade den "State of the Arts" ausgerufen, einen "Staat der Künste", der an die Stelle eines eng werdenden Nationalstaates treten soll, einen Ort, "der Ideen von nationalen Grenzen, nationalen Kulturen und Identitäten dekonstruiert, der citizenship anders denkt und die neue Gesellschaft gleich praktisch erprobt".

Das Konzept ist gut durchdacht. Das Programm überschreitet Grenzen und Genres. Es gibt Raum für Schräges, Experimentelles und Internationales.