Die Füße mit den rot lackierten Zehen hängen aus dem Autofenster, der Fahrtwind zerzaust P. das Haar. Und die Landstraße durch Mecklenburg-Vorpommern führt vorbei an verfallenen Gutshäusern. Vor ein paar Tagen noch haben wir uns fast im Auto zerfleischt. Wegen der erstickenden Enge von vier Quadratmetern, demoralisiert vom Chaos und von den tausend Entscheidungen, die uns unser neues Leben abverlangte. Es war anstrengend, vor allem in der Stadt: Es gibt Schöneres, als in Hamburg im Regen auf einem Parkplatz hinter einem Möbelhaus aufzuwachen. Jetzt steuern wir den Chrysler durch eine menschenleere Gegend und suchen einen Schlafplatz. Wir wissen inzwischen: Es kann zwei Stunden dauern, bis wir beide zufrieden sind. Wohnungstür zuschmeißen und ins Bett fallen – das war einmal.

Wir fahren zu dem See, der sich laut unserem Straßenatlas in der Nähe befinden muss. Eine Badeanstalt. Noch am Abend malträtiert eine Horde Jugendlicher die Rutsche, ihr Gejohle hallt übers Wasser. Der Bademeister steht daneben, Trillerpfeife um den Hals. Nichts für uns, denke ich, aber dann kommen wir ins Gespräch. Der Bademeister klagt, wie schwer es sei, diese Bande im Zaum zu halten, und um den Zeltplatz müsse er sich auch kümmern. "Was für ein Zeltplatz?" – "Dahinten." Er zeigt mit seiner Zigarette auf eine Landzunge.

Der Platz kostet so gut wie nichts, übers Internet findet man ihn nicht. Wir dürfen fast bis zur Wasserkante vorfahren. Es gibt keine Duschen. Aber wir haben sowieso nur noch zweimal die Woche Badetag. Am Anfang spannt die Haut ein bisschen, doch dann kommt der natürliche Film zurück. Man riecht nicht mehr nach Duschgel. Wichtiger sind die Klos. Große, große Sorge in der ersten Zeit. Bisher haben wir aber noch immer eine öffentliche Toilette gefunden. Oder halt einen Busch. Und wo wir schon bei Hygiene sind: Wir reinigen unsere Klamotten alle zwei Wochen im Waschsalon.

"Guten Morgen", flüstert meine Freundin, da ist der Boden noch feucht, und der See liegt starr wie blaues Glas in seinem Rahmen. In der Nacht haben Geräusche im Schilf uns immer wieder geweckt, ein kurzer Blick in den Sternenhimmel, dann weiterschlafen in unserem Auto, in dem man sich durch die vielen großen Fenster wie in einer Raumkapsel fühlt.

Morgens: als Erstes in den See, dann Kaffee und wieder See, Frühstück. Es fühlt sich an wie Urlaub – mit dem Unterschied, dass wir nicht wieder nach Hause fahren. Arbeiten müssen wir trotzdem. Nach einem weiteren Sprung ins Wasser zieht P. mit der Kamera los, Recherche für eine TV-Reportage. Da wir keine Stühle haben, puste ich eine Isomatte auf, setze mich drauf, lehne den Rücken an einen der Autoreifen. Ich versuche, mit dem Einwohnermeldeamt unseren Aufenthaltsstatus zu klären. "Moin. Ich habe mal eine Frage in Sachen Meldegesetz, da ich ja im Auto lebe ..." Die Dame vom Amt empfiehlt mir eine Anlaufstelle für Obdachlose. Ich erkläre etwas genauer, dann sagt sie, es gebe folgende Möglichkeiten: entweder den Vermerk "ohne festen Wohnsitz" im Ausweis eintragen lassen oder mich bei jemand anderem anmelden.

Wir melden uns bei den Eltern an. Das fühlt sich nach Niederlage an, zugegeben, aber wenigstens ziehen die in den nächsten Jahren nicht um. Und was ist mit der Post? Erst mal Nachsendeauftrag. Auch an die Eltern. Die Krankenversicherungen behalten wir. Wir zahlen weiter Steuern – falls das Finanzamt hier mitliest –, allerdings müssen wir wesentlich weniger Geld ranschaffen, da unsere Kosten gesunken sind. Und das Arbeiten fällt sogar leichter als in der Stadtwohnung, in der ich oft bis zum Nachmittag nicht in die Gänge kam. Die Ablenkung, die die Natur bietet, ist anregend: Zitronenfalter, die eine Balzparty veranstalten, Wind, der durchs Schilf raschelt. Manchmal kommt es mir vor, als hätte der Tag 36 Stunden.