Im Oktober 2017, nachdem Belästigungsvorwürfe gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein bekannt wurden, erhob sich die sogenannte MeToo-Bewegung. Daraus entwickelte sich eine umfassende Debatte über sexuelle Selbstbestimmung und den Stand der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Was hat sich innerhalb eines Jahres verändert? In einem Themenschwerpunkt blicken wir zurück.


Anita Hill, eine afroamerikanische Juraprofessorin, sagte 1991 als Zeugin gegen Clarence Thomas aus, den damaligen Kandidaten für einen Richterposten am Obersten Gerichtshof. Sie beschuldigte ihn der sexuellen Belästigung sowie der wiederholten Verwendung herabsetzender Sprache. Fast dreißig Jahre später bezichtigte nun die Psychologin Christine Blasey Ford den Kandidaten für den Obersten Gerichtshof Brett Kavanaugh der versuchten Vergewaltigung während ihrer gemeinsamen Highschool-Zeit. Diese Geschichten haben unangenehme Gemeinsamkeiten. In beiden Fällen wurde die Zeugenaussage der Frau nicht ernst genommen und der Mann zum Richter ernannt. Und doch liegt ein Abgrund zwischen ihnen, und dieser Abgrund heißt #MeToo: die soziale Bewegung, die sich im Oktober 2017 bildete, nachdem der Vorwurf der Vergewaltigung und Tätlichkeit gegen den Filmmogul Harvey Weinstein an die Öffentlichkeit gelangt war.

#MeToo ist die erste westliche Bewegung, die auf sozialen Medien beruht: Hier schildern Frauen ihre Erlebnisse unmittelbar, ohne dass eine lange Kette von Experten (Psychologen, Juristen, Journalisten) ihre Rede abschwächte oder verfälschte. Schon im November 2017, nur einen Monat nachdem die Bewegung ins Leben gerufen worden war, wurde #MeToo in 85 Ländern 2,3 Millionen Mal getwittert. Nach einem Jahr können wir vorerst resümieren: Zwar sind Männer, die Frauen belästigt und vergewaltigt haben, bisher relativ straflos geblieben, doch können die Organisationen, in denen sie arbeiten, Sexismus nicht mehr unter den Teppich kehren. Die sozialen Medien haben Frauen ein Instrument zur Verfügung gestellt, mit dem sie Männer, die sie herabgewürdigt haben, direkt bloßstellen und kompromittieren können.

Dadurch, dass sie einfachen Frauen ein einfaches Sprachrohr und damit eine Stimme gab, offenbarte und entlarvte die #MeToo-Bewegung, was Feministinnen schon kannten: eine flächendeckende männliche Kultur sexuellen Anspruchsdenkens und Raubtierverhaltens. Über Nacht erfuhr die Öffentlichkeit von einer Parallelwelt, in der Männer Frauen dauernd an den Hintern fassen, sie gegen ihren Willen küssen, anzügliche und unerwünschte Kommentare abgeben, sie sexuell erpressen und ihr Einkommen oder ihre berufliche Stellung bedrohen.

Auch wenn die meisten Männer keine Straftäter oder Belästiger sind, sonnen sie sich doch in einer Kultur, die den männlichen Status durch die Fähigkeit des Mannes definiert, eine Frau sexuell zu besitzen und zu benutzen. Einer konservativen Schätzung zufolge werden 35 Prozent aller Frauen Opfer sexueller Gewalt und ein noch größerer Prozentsatz Opfer sexueller Nötigungen aller Art. Trotzdem führen in einem Land wie beispielsweise Frankreich 93 Prozent aller Anzeigen wegen sexueller Belästigung nicht zu strafrechtlicher Verfolgung. In diesem Kontext muss man #MeToo verstehen. Angesichts der Gleichgültigkeit oder Komplizenschaft der meisten Institutionen ist sie eine Bewegung für Strafverfolgung und Gerechtigkeit.

Wie alle wichtigen Ereignisse ist aber auch #MeToo nicht ohne Widersprüche und Spannungen. Wenn wir nach einem Jahr eine Bilanz der Bewegung ziehen, müssen wir uns über die Aporien und Dilemmata klarwerden, die aus ihr hervorgegangen sind.

Ein Einwand gegen #MeToo ist soziologischer Natur. Ausgelöst wurde die Bewegung durch den Umstand, dass sich glamouröse Frauen zu Wort meldeten und die lange zurückliegenden Straftaten Weinsteins (oder anderer mächtiger Medienfiguren) anprangerten. Mächtige und untergeordnete Frauen sprachen nun mit einer Stimme: Das erklärt den unmittelbaren Erfolg und die Stärke der Bewegung. Doch viele Beobachterinnen, darunter altgediente Feministinnen, sahen sich deshalb auch zu bitteren Fragen veranlasst: Wie konnten eine Gwyneth Paltrow, Salma Hayek oder Rose McGowan in die Lage hilfloser Opfer geraten? Was hatte sie daran gehindert, sich den Sexualtätern zu entziehen? Und ist es nicht obszön, ihre Erfahrungen mit denen von Frauen in einen Topf zu schmeißen, für die Armut und Rassismus den alltäglichen Hintergrund sexueller Gewalt bilden? Konservative Kritikerinnen (wie Élizabeth Lévy in Frankreich) sprachen #MeToo sogar jegliche Legitimität ab: Frauen seien Männern ebenbürtig geworden und könnten sich nicht mehr in der Opferrolle gefallen. Für solche Kommentatoren ist #MeToo von Ressentiments getrieben.

Dagegen lassen sich leicht drei Tatsachen anführen: Frauen werden in allen Klassen unterdrückt, auch wenn sie unterschiedlich anfällig sind. Mit Ausnahme der Suffragettenbewegung am Ende des 19. Jahrhunderts, in der britische Frauen aus allen Klassen unter Führung von Frauen aus der Ober- und Mittelschicht das Wahlrecht forderten, hat es keine Bewegung gegeben, die Frauen so eindeutig geeint hat wie #MeToo. Denn es gibt eine Conditio femina, die alle Grenzen von Klasse und Rasse übersteigt. Anita Hill und Christine Blasey Ford gehören verschiedenen ethnischen Gruppen an und wuchsen in unterschiedlichen Milieus auf, doch teilen sie dieselbe Geschichte und letztlich dasselbe Schicksal. #MeToo hat vor Augen geführt, was die feministische Juristin Catharine MacKinnon, deren Arbeiten sexuelle Belästigung in den USA zu einem Straftatbestand machten, vor vierzig Jahren aufdeckte: die zentrale Bedeutung der Sexualität für das Gesamtsystem der Unterdrückung von Frauen. In allen Klassen werden sie über ihre Sexualität beherrscht.

Zweitens sind Frauen zwar auf dem Arbeitsmarkt vorangekommen – dank der harten Kämpfe, die Feministinnen ausgefochten haben. Sie haben sich aber vor allem als Pflegeproletariat auf den unteren bis mittleren Sprossen der kapitalistischen Leiter etabliert. Die erdrückende Mehrheit des Reichtums, der politischen Macht, der Medien, der Wissenschaft, der Technologie und des Militärs auf der Welt wird in überwältigendem und skandalösem Ausmaß von Männern kontrolliert. Wohl haben sich die Frauen auf dem Schachbrett der Gesellschaft bewegt, allerdings zumeist seitwärts. Die Regeln und die Struktur des Schachbretts sind im Wesentlichen deprimierend unverändert geblieben, da eine sehr kleine Gruppe von Männern die Infrastruktur der Gesellschaft kontrolliert. Die sexuelle Macht der Männer leitet sich von ihrer sozialen und ökonomischen Macht ab.