In aufgeräumten Momenten zwinkerte sie ihren Fans zu: Das Singen zwischen New York, Mailand, Wien und Tokio sei ja wunderbar und erhebend, doch ohne Basel, Saarbrücken und Bremen wäre sie nie dorthin gekommen. Diese Rückversicherung aus dem Mund der Primadonna Montserrat Caballé lehrt uns zweierlei. Erstens: Das deutsche Stadttheater ist auch für katalanische Gesangsstars das beste Basislager für alle vokalalpinen Ausflüge. Zweitens: Jetzt wissen wir, warum Caballé in ihrer hinreißenden Aufnahme von Strauss’ Salome fast mustergültiges Deutsch singt. Falsch wäre es also, sie ausschließlich mit hochkalorischen Belcanto-Süßigkeiten zwischen Rossini, Donizetti, Bellini und frühem Verdi in Verbindung zu bringen.

Caballé stammte aus armen Verhältnissen. Die Eltern der 1933 in Barcelona geborenen Sängerin waren Opfer des Spanischen Bürgerkriegs, die Familie litt unter Entbehrungen, irgendwann musste Montserrat die Schule verlassen, um als Näherin Geld zu verdienen. Doch wann immer sich die Gelegenheit ergab, trällerte sie Zarzuelas, pflückte sie bezaubernde Töne aus der Luft, die den Weg zu hellen Hörern fanden: Mäzene ebneten ihren Weg aufs Konservatorium.

Und irgendwann kam jener Moment, da das Schicksal den Lichtschalter berührte und die maximale Aufmerksamkeit auf sie richtete. 1965 sprang sie für Marilyn Horne in einer konzertanten Aufführung von Donizettis Lucrezia Borgia in der New Yorker Carnegie Hall ein. Ein Glücksfall: Sie musste keine Inszenierungsdetails lernen, es mussten keine Kostüme umgenäht werden, sie durfte einfach nur singen. Ein Bombenerfolg. Diese Oper ist kein Schlager des Repertoires, aber sie bietet Musik, die wie für Caballés Stimme komponiert schien. Sie verlangt die höchste Kunst des Belcanto: weite Linien, bruchlos verbundene Register, schier unkaputtbares Legato, zudem Geläufigkeit, Expansion der Stimme und Raffinement. Und das Wichtigste: weicher Ton und erlauchtes Piano.

Montserrat Caballé hat die Kunst perfektioniert, leise zu singen und doch den Kern der Stimme zu bewahren, damit sie nicht hauchig klingt, nicht schartig. Wo immer sie auftrat, imponierte es, wie sie eine Forte-Attacke ins Echo zurücknahm und delikat ausfluten ließ.

Manche Kritiker meinen, die Künstlerin habe irgendwann aus der Not eine Tugend gemacht und – weil ihre Höhe gefährdet gewesen sei – die Rettung in der Verfeinerung gesucht. Da ist etwas dran. Anderseits waren einem die Piano-Juwelen einer Caballé immer lieber als die Klirrfaktoren, die andere Damen in der Höhe produzieren. Selbstverständlich sang sie die berühmten Partien, doch kümmerte sie sich auch um Raritäten. Es gibt von ihr hinreißende Aufnahmen von Rossinis Elisabetta oder von Verdi-Schätzen, etwa Il corsaro oder Aroldo. Eher unvorteilhaft geriet Così fan tutte: Mozarts Säurebad der Gefühle war mit ihrer Ästhetik des Schöngesangs nur schwer vereinbar.

Caballé, die Herzensgute, liebte es, Kollegen um sich zu haben, das Klima im Ensemble war ihr heilig. Vor allem umwölkten sie keinerlei Berührungsängste. 1987 kam es zur Begegnung mit einem ihrer größten Verehrer: Freddie Mercury. Für sie komponierte er einen Barcelona-Song. Als die beiden ihn sangen, klang es wie Teufel und Mutter Courage, Narziss und Goldmund, Sünde und Vergebung. Famos!

Jetzt ist Montserrat Caballé nach langer Krankheit gestorben. Sie wurde 85 Jahre alt.